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Bernard Wallner: Papier Stein Schere.

Wien: Czernin Verlag, 2005.
93 S.; laminierter Pappband.; Eur 15,-.
ISBN 3-7076-0074-2.

Link zur Leseprobe

Was, wenn man eine Arbeit an einem entlegenen Ort annimmt, bei der man vor die unlösbare Aufgabe gestellt wird, unentzifferbare Tondokumente zu entschlüsseln? Was, wenn man eine Telefonnummer wählt, bei der sich eine Stimme als Lebens- und Liebesretter in letzter Not anpreist, man tatsächlich aber auf die traurig gespiegelte Realität eines trostlosen Pärchens trifft? Was, wenn man zwei Priesterseminaristen kennenlernt, mit denen man gemeinsam eine spirituelle Einkehrwoche auf einer Hütte verbringen will, statt dessen aber unkeusche Schlafsack-Spiele auf einen warten? Man hat verloren. Oder man hat gewonnen. Vielleicht gerade weil man verloren hat.

Wahrscheinlich ist es aber auch ganz egal, ob man verloren oder gewonnen hat. Denn vermutlich geht es hier nicht ums Gewinnen und Verlieren, sondern um das Spiel. Denn "Siege sind Episoden von flüchtiger Beschaffenheit. Der Verlust, einmal eingetreten, ist unumkehrbar. (...) Er spielt das Spiel, nicht der Gewinn. Papier-Stein-Schere, unzählige Durchgänge (...) Trotz vorläufiger Siege stolpert jede Existenz letztendlich über eine Klippe in die Tiefe! Die Länge der Zeitspanne, die erfolgreiche Wiederholung des Spieles unter gleichen Regeln, aber neuen Bedingungen macht den Reiz aus".

In "Papier Stein Schere", dem Debüt von Bernard Wallner, geht es also um ein Spiel, das man nicht gewinnen und nicht verlieren kann. Denn es ist ein Spiel um Leben und Tod. Um die eigene Existenz. Hier um die Existenz von Leni und Jakob. Zwei Menschen, die sich, kaum haben sie sich gegenseitig gewonnen, schon wieder verloren haben. Beide begeben sich auf die Reise. Und auf die Suche nach der Antwort auf die Frage: Wer macht das Spiel? Und wer bestimmt die Bedingungen? Aber was sie finden, sind keine Antworten, sondern nur neue Rätsel. Zum Beispiel die alte Frau, die in ihrem Zwergenparadies Fallen aufstellt, um die absurderweise einmeterneunzig großen kleinen überaktiven Gartengesellen zu fangen. Oder puritanisch-gefräßige weibliche Busbekanntschaften, denen ihr Sitznachbar Bier offeriert wie Spinnenmännchen, die ihren Kopulationspartnerinnen Nahrungsressourcen anbieten, um nicht selbst als proteinreiche Opfer verzehrt zu werden. Oder die Geschichte mit der Grillbraterei im Himmel. Ein Holzkohlegrill, für dessen Benutzung die Verstorbenen Nummern ziehen müssen. Das göttliche Spiel: Rösten und geröstet werden. Das gottgewollte ewige Grillen zur Erlangung der unendlichen Glückseligkeit. Mehr als merkwürdig scheint es zuzugehen im Jenseits dort droben. Aber Gott liebt wohl diese Spielchen. Und in der Welt da draußen? Die ewige Jagd. Nach Glück, nach Erfolg, nach dem anderen. Kein Mitleid. Keine Nachsicht. Denn "Gefühle sind das Temperament der Verlierer". Was also tun angesichts dieser unmenschlichen Spielregeln? Flucht. Abwehr. Rückzug. Auf zweitausendneunhundertunfünfundneunzig Meter Höhe. In eine kleine Holzhütte mit Tisch und vier Stühlen.

Dorthin ziehen sich Leni und Jakob gemeinsam zurück. Nach ihrer getrennten Odyssee flüchten sie in die menschenleere Abgeschiedenheit der Berge. Dort überwintern sie in ihrem Haus, das wie ein im Packeis verödeter Schiffsbug im ewigen Weiß gestrandet zu sein scheint. Dort, wo das Weiß an manchen Tagen einer blau-grau schimmernden Murmel gleicht. Und dort, wo das Gipfelkreuz von keinem Punkt der Hütte aus zu sehen ist; geschützt "vor dem Wind und dem Gekreuzigten, der sonst von überall herunter leidet und hölzern starrt." Dort, wo die Zeit eingefroren ist.

Bernard Wallners "Papier Stein Schere" ist ein sehr befremdendes literarisches Spiel. Voller phantastischer und surrealer Sequenzen, absurder Einfälle und skuriller Passagen, deren Struktur nicht so einfach zu entschlüsseln ist. Oder vielleicht auch gar nicht entschlüsselt werden will. Mag sein, um sich auf keine einfache Spielregel reduzieren zu lassen? Rätselhaftigkeit und Undurchschaubarkeit als Programm? Hermetisch wie die stilistisch gelungenste Ausgangs- und Endszene im ewigen Eis? Genauso präsentieren sich jedenfalls auch die hart montierten Erzähl-Stränge und die spröde Sprache mit ihrer kryptischen Metaphorik. Ein sonderbares Sprachspiel und ein mysteriöses Erzählkonzept, die nach sehr individuellen Regeln funktionieren. Eine Art literarisches Solitär, bei dem der Leser dem Autor über die Schulter schauen darf. Ein recht einsames und für viele Betrachter vermutlich nur mäßig interessantes Spielvergnügen.

Michaela Schmitz
17. Oktober 2005

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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