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Leseprobe: Franz Weinzettl - "Der Jahreskreis der Anna Neuherz."

Juni

Als neues Weiß nun der Jasmin. Das erste Kirschenrot. Bärenklau, Kerbel und Bibernellen blühen stellenweise so dicht: "Als läge da Schnee ..." Das gemähte Gras liegt ausgebreitet auf dem Boden oder trocknet auf hölzernen Heugestellen, den "Steigern".
Der Klatschmohn und die Lupinen, die Acker- und Zaunwinden beginnen zu blühen. Die ersten Blütenblätter der Heckenrosen, des Schneeballs und der Tamarisken fallen ins Gras. Anna Neuherz sammelt nach dem Mittagsschlaf ("Ich geh kurz rasten ...") Ackerschachtelhalm: "Zinnkraut" (weil einst zum Reinigen von Zinngeschirr verwendet); legt die katzenschweifartigen Pflanzen auf den Dachboden, zum Trocknen.
An einem Tag ist der Himmel bewölkt, und Rauch steigt aus dem Rauchfang mancher Häuser, es ist kühl; am andern Tag ist der Himmel wieder wolkenlos, tiefblau. Und in der Sonne glitzern Tropfen auf den Blättern und Blüten. Schmetterlingsschatten huschen über den Tisch, an dem sie im Freien sitzt. Im Haus kurz der Schatten des Vogels auf dem Küchenboden, von der Amsel auf der Dachrinne. Nach dem Kräutersammeln geht sie in den Garten, um Spinat zu "zupfen". Dann jätet sie auf dem Acker Unkraut, im Badeanzug, um ein wenig braun zu werden, "Farbe zu bekommen".
Als sie am Abend über die Wiese geht, "über Zipf und Bogen" (querfeldein); am auffälligsten der Rot- und Hornklee, der Hahnenfuß und Klappertopf, die Margeriten und Skabiosen. Meist bestimmt sie den Weg, und die beiden Haustiere, Hund und Katze, folgen; doch hin und wieder ist es umgekehrt: die Tiere gehen voraus, und die Frau kommt nach. Der Hund erscheint oft ferngelenkt: wie von einem Magneten gezogen. Die Katze ist auch im Laufen ganz Auge und Ohr - ihr Schweif ist am Ende gebogen, liegt, so sieht es aus, an einer unsichtbaren Leitung: bleibt sie stehen, sinkt der "Verbindungsdraht", wie bei einem O-Bus, zu Boden. Die Katze schaut immer wieder in den Wald, der Hund übers Land: als hätten sie sich so die Aufgabe der Vor- und Nachhut geteilt.
Tags darauf ist es regnerisch und neblig am Morgen. Auf dem Gartenzaun sitzt im Nieselregen ein Neuntöter-Weibchen, von Mai bis August "in der Gegend". Auf dem Rasen vorm Garten eine Zeitlang der Vogelschwarm: "Ein ganzer Reisebus voll ..." Die vielen Amseln.
Am Nachmittag wieder die Sonne - die Wolken ziehen langsam nach Norden, die Blätter des Essigbaums schaukeln im Wind. Das Vogelsingen von da und dort, das Insektengesumm von den Sträuchern und Blumen, das Grillenzirpen. Die schöne Wärme.

© 2004, Edition Korrespondenzen, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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