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Erika Wimmer: Im Winter taut das Herz.

Roman.
Wien, Frankfurt / M.: Deuticke, 2002.
157 S., geb. EUR 14.90.
ISBN 3-216-30625-9.

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Mütter sind immer da. Für uns. Wenn Frauen Mütter sind, sind sie keine Frauen mehr, sie haben dann Töchter, die nie Frauen werden. Für sie.
Mutter und Tochter sitzen am Strand. Und schon auf Seite sechs hat Erika Wimmer aus beiden Frauen gemacht. Die ältere erzählt der jüngeren ihr Leben, "nur Begründungen blieben aus", und die jüngere begreift jetzt auch ohne Erklärung. "Weil eine Mutter ein Leben hat ohne Kind.

Mit diesem Satz verschafft Erika Wimmer, 1957 in Bozen geboren, Mitarbeiterin des Forschungsinstituts Brenner-Archiv und Leiterin des Innsbrucker Literaturhauses am Inn, jeder Frau einen Puffer zu ihrer Rolle und den Erwartungen der anderen. Mehr ist es bei Wimmer nicht. Frauen in den mittleren Jahren stellen nichts Aufregendes mit ihrer "Freiheit" an, in der Literatur glänzen sie bisher am öftesten als Falten-Psycho-Problemzone. Die meisten, scheint die Autorin sagen zu wollen, müssen überhaupt erst zu sich kommen.

Wimmers Hauptfigur ohne Namen flüchtet in einen Leuchtturm an der Nordsee. Vierzehn Jahre vorher hat sie dort in der Nähe mit einem Mann, Bert, zusammengelebt, mit ihm, seinem Sohn und ihren Töchtern. Von Bert sind der Frau nur Liebespost und ihre eigenen Briefe an den Toten geblieben, ihre Töchter gingen bald aus dem Haus, an Lenz, Berts Sohn, hing sie nie. Jetzt ist sie allein. "Ich war ein Wintertyp. Später nannte ich das Einsamkeit."

Vergegenwart. Sie will sich nicht erinnern, aber so lange sie ihre Vergangenheit von sich wegschiebt, indem sie in ihr wie in der Gegenwart sein will, kann sie nicht allein leben.
Erika Wimmer schreibt sich durch die schönen und herben Erinnerungen und Verzehrungen einer Frau, die meint, ihr Glück sei aufgebraucht; ihr Partner ist tot, vom Exmann nie die Rede. Sie hangelt sich durch ihre Briefe und löffelt in ihrer Seele Tiefgefrorenes aus der Außenwelt. Die Leser ziehen den Genuss aus der Entbehrung des Besonderen.
Wimmer hat das Mittelmaß gelten lassen. Jene Linie, wo Außen- und Innensicht sich vernageln, manchmal zackig, manchmal gerade, aber immer nach vorne drängend, im besten Fall irgendwann verschmelzend: "Im Winter taut das Herz", so tropft das Pathos auch vom Titel des Buches allmählich ab. Ohne große Gefühle wird die Geschichte von außen wie eine von vielen erzählt, in den Briefen der Frau aber toben zu denselben Tatsachen die Empfindungen: "Nur wir sind es, die das Jeweilige für besonders halten."

Wimmer stanzt Ösen für neue Beziehungen und verschließt rostige, längst ungenutzte, zwischen Mann und Frau, zwischen innen und außen, zwischen Müttern, Kindern, Stiefkindern, möglichen Männern, Ersatzmännern, einzelnen Leben, anderen Leben, die alle etwas vom eigenen haben. Sie hakt ihre Figur zwischen Vorstellung, Wirklichkeit und Erinnerung ein, überlagert auch formal verschiedene Ebenen, erzählt knapp und präzise, knüpft Spannung und Leidenschaft aus den Konfliktfäden, die ihre Hauptfigur im Text immer stärker verknäult, und versteigt sich nur manchmal in liebestollen Metapherntürmen: "Dann...hat sich ein Schwarm aus dem Donnervogelklan bei mir niedergelassen, um den Mond der Rast zu beschwören."

Viel Zeit hat die Frau nicht. Von den Buchrändern, Anfang und Ende, drücken die Kinder. Wimmer hat sie als erzählerische Klammer eingebaut. Irgendwann muss die Hauptfigur zurückkehren in den Spagat. "Sie war die Mutter, es gab keinen Grund, sich darüber hinausreichende Gedanken zu machen." Mütter lassen das Netz nicht zusammenfallen. Wimmer hat die Gefahr ausgekostet.

 

Gabriele Crepaz
10. Juni 2002

zuerst erschienen in: FF, Südtiroler Illustrierte, 2002.

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