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Leseprobe: Monika Wogrolly - "Herzlos."

In meinem Alter weiß man hinreichend Bescheid über sich und kennt sich gut genug, um zu wissen, dass dieses Liebesgefühl nach dem Verlassen der Wohnung wie eine Seifenblase zerplatzt. Ich hatte noch Seife in den Augen und war über das liegen gelassene Handwerkerzeug seines Schwagers Anton gestiegen, nachdem ich sein Bad, sein Haus und den Polizeipsychologen verlassen hatte.
Es war ein rauchgrauer und freudloser Tag; Sperlinge flirrten vor mir auf dem Bürgersteig hoch, streiften Berberitzensträucher, stimmten seltsame Melodien an, die sich in Telegrafenmasten und Handyleitungen fortsetzten. Meine Gedanken waren irgendwo, bloß nicht in meiner Nähe. Ein Stofftaschentuch mit meinen Initialen SM lag auf dem nassen Pflaster, woanders fand ich einen gehäkelten Handschuh, der so schmal war, dass ich auf seine Besitzerin neugierig wurde. Ich bewegte mich im Laufschritt durch den Regen und hatte das Gefühl, erst zu entstehen, als wären die feinen Tropfen rasende Stiche einer mechanischen Nähmaschine, und ich ein fortlaufendes Muster. Ich meinte, in einem Film zu sein, wie als Kind, als ich mich glauben ließ, von unsichtbaren Kameras begleitet zu werden. Begehrliche Blicke wurden von mir mit bejahenden Blicken gleichgesetzt. Schon wenn mich ein Handwerker von einem Gerüst herab ansah, und sein Blick etwas hergab, war es wie eine Entschädigung.
Kaum war ich gegangen, brummte das Handy gleichmäßig in meiner Jackentasche. Ich war auf dem Weg zu meiner Freundin Emilia, um ihr die Jacke zurückzugeben, die der persische Architekt in alkoholisiertem Zustand getragen hatte.
Was Sie nicht wissen, ist der Umstand, dass ich an einer Straßenampel stand, im Gefühl, mich körperlich und geistig aufzulösen. Ich fühlte mich als Sprühregen, als Tom anrief und fragte, ob ich Lust auf Kino hätte.
Kino, so hätte ich ihm am liebsten klar gemacht, kommt immer im Vorspann zur Liebe, nicht danach. Unser Drama sollte zu Ende sein. Die Eindrücke im Haus hatten es abgekürzt, der kalte Fußboden im Vorhaus, die holzgerahmten Landschaftsstiche seiner verstorbenen Eltern und auch die Häkeldecken seiner verblichenen Frau. Der Schwager hatte sich wie eine Textilmotte in die Schleier der Vergänglichkeit getrieben und es schließlich unmöglich gemacht, die Affäre auszuweiten. Dass er beim Abschied angekündigt hatte, etwas später wieder nach Tom zu sehen, hatte dazu beigetragen. Ich hatte den Polizeipsychologen gegen noch schlimmere Gefühle gevögelt, um mich selbst wieder zu spüren. Hohläugig und mit leerem Herzen überquerte ich die Straße.
(S. 18f)

© 2002, Deuticke Verlag, Wien, Frankfurt/M.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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