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Walter Wippersberg: Die Geschichte eines lächerlichen Mannes.

Roman.
Salzburg, Wien: Otto Müller, 2000.
212 S., geb.; öS 248.-.
ISBN 3-7013-1017-3.

Link zur Leseprobe

Im neuesten Teil seiner Triologie, die der Analyse der zeitgenössischen politischen Zustände in Österreich mit literarischen Mitteln gewidmet ist, wendet sich Walter Wippersberg einem Protagonisten zu, der drauf und dran ist, als sozialdemokratischer Spitzenkandidat zum Bürgermeister einer Landeshauptstadt gewählt zu werden. Anders als in den vorangegangenen Bänden ("Die Irren und die Mörder", 1998, und "Ein nützlicher Idiot", 1999) wird die Spannung des vorliegenden Buches aber nicht aus mehr oder weniger spektakulären Geschehnissen entwickelt. Der besondere thrill dieser Geschichte ist Folge vor allem einer geschickten Zeitdramaturgie: Minutiös wird eine Woche aus dem Leben von Martin Roller rekapituliert, durchwirkt von weiteren Rückblenden, wobei es am Ende von jedem Kapitel einen Sprung gibt in den Verlauf der letzten Stunde vor einer entscheidenden Sitzung des Parteivorstands. Da Roller zu diesem Zeitpunkt längst befürchten muss, dass seine bisherigen Pläne und Winkelzüge doch noch zu einem abrupten Ende kommen, wird der angestrebte Höhepunkt doppelt akzentuiert, was seine Wirkung nicht verfehlt.

Dabei beginnt alles ganz harmlos, und zwar mit dem plötzlichen Auftauchen eines heruntergekommenenen Mannes, der sich Bernhammer nennt und als ehemaliger Schulkollege Rollers ausgibt. Bernhammer scheint irgendetwas zu wissen, das Rollers weitere Karriere und dessen Wohlstand in Frage stellen könnte. Ein paar vage Andeutungen genügen, um die latenten Ängste des Spitzenpolitikers in immer panischere Erpressungs- und Verschwörungsphantasien umschlagen zu lassen. Das alles ist zunächst noch kaum politisch motiviert; die Leser erfahren persönliche Details aus der ärmlichen Kindheit Rollers, sind mit Konflikten innerhalb seiner überkommenen Ehe mit einer Psychotherapeutin konfrontiert und lernen ihn als einen Mann kennen, der es zwar verstanden hat, sich äußerlich erfolgreich in ein vorgegebenes, scheinbar unerschütterliches Machtgefüge einzugliedern, als existenziell Gescheiterter aber ein hoffnungsloses Rückzugsgefecht liefert. Symptom dafür ist sein prekäres Verhältnis zu den beiden Kindern, insbesondere zu seinem bereits großjährigen Sohn Thomas.

Erst allmählich verdichten sich diese Motive auf den verschiedensten Zeitebenen zu einem Sittenbild der Zweiten Republik und werden als wesentliche Faktoren höchst problematischer Entscheidungen und Entwicklungen erkennbar, die weit in den Bereich des öffentlichen Lebens hineinreichen. Walter Wippersberg gelingt es diesmal souverän, die psychische Verfassung seiner Hauptfigur transparent zu machen im Hinblick auf allgemeine Dispositive der politischen Verhältnisse in Österreich. Als sich in den neunziger Jahren die gesellschaftlichen Machtanteile der Parteien radikal ändern, was früher einmal kaum für möglich gehalten worden ist, gerät deshalb einer wie Roller, der seinen rollenorientierten Charakter allegorienhaft schon im Namen trägt, zwangsläufig in eine Identitätskrise. Davon eigentlich handelt das Buch, in Form von präzisen Beobachtungen, eindringlichen erlebten Reden und treffsicheren Dialogen (nur das allzu häufige, lästige "freilich" sollte in Zukunft vermieden werden). Zum Glück hat Wippersberg keinen Enthüllungs- und Abrechnungsroman im skandaljournalistischen Lukona-Pretterebner-Stil geschrieben; ebensowenig hat er Lösungspatente oder neue Utopien parat.

Denn das understatement und der Lakonismus der letztendlichen Auflösung der Konflikte zielen auf die Lächerlichkeit der Geschichte selbst, weniger auf die Lächerlichkeit Rollers, wie sie im Titel behauptet wird. Überhaupt scheinen die Titel gewisse Schwachpunkte der "Österreichischen Trilogie" Wippersbergs zu sein, da sie in viel zu moralisierender Weise Wertungen implizieren, ohne die notwendige Balance zwischen Ernsthaftigkeit, Ironie und Zynismus zu halten, die im Großen und Ganzen sehr wohl eine Qualität der Texte ausmacht.

Wenn aus den Zeitdiagnosen Wippersbergs überhaupt eine Art Lehre zu ziehen ist, dann vielleicht diejenige, dass die Vertreter der Sozialdemokratie jetzt die entscheidenden Schwächen zeigen und Fehler machen; und dass jeder Einzelne jetzt das Seine tun muß, anstatt stets larmoyant und selbstmitleidig die Vergangenheit herbeizuzitieren, sei es entweder als Entschuldigung oder zur Rechtfertigung.

Arno Rußegger
31. August 2000

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