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Manfred Wieninger: Der dreizehnte Mann.

Roman.
Hamburg, Wien: Europa Verlag, 1999.
192 S., geb.; DM 29,80.
ISBN 3-203-84013-8.

Link zur Leseprobe

Wie jeder Privatdetektiv am Anfang einer Geschichte ist auch Marek Miert schwer unterbeschäftigt, pleite und gelangweilt, als endlich wieder einmal ein Auftrag in Sicht ist ... Angesiedelt ist die Handlung im "Wiener Hinterland", einer Stadt namens Harland. Die spontane Theorie, diese sei der Phantasie des Autors entsprungen, hält einer Überprüfung durch den Atlas nicht stand. Harland existiert, wenn auch nur mehr in Klammer, denn diesen Ort am Rande St. Pöltens hat sich die Landeshauptstadt mittlerweile einverleibt.

Und Harland steht für eine große österreichische Stadt mit allem, was dazugehört: Freunderlwirtschaft, unbewältigte Vergangenheit, Abschiebung von Staatenlosen, verschiedene Vereine und Schrebergärten. Ein Klein-Wien, nur eben ein bißchen überschaubarer. Hier wird nun Marek Miert vom ohne Aufenthaltsgenehmigung im Lande weilenden Branislav Kaddisch beauftragt, den angeblichen Unfalltod seiner Freundin Eva Holzapfel aufzuklären. Miert nützt seine Beziehungen, einer seiner ehemaligen Schulfreunde ist Pathologe, ein anderer Versicherungsangestellter, und man tut sich immer wieder einen Gefallen. So kommt Miert zu medizinischen Informationen über die tote Eva Holzapfel und einem zweiten Auftrag: er soll Dr. Salem bei privaten Nachforschungen über Delinquenten vom März 1938 helfen, deren Überreste bei Bauarbeiten ans Tageslicht gekommen und der Pathologie zur Begutachtung überstellt worden waren.

Wie erwartet tun sich "unerwartete" Zusammenhänge auf, und Miert sieht sich alsbald in ein Netz von Lügen, Feindseligkeit, Mordanschlägen und Vermutungen verstrickt. Vom Sandler über Neo-Nazis und militante Ausländervereinigungen bis hin zu ehemaligen Arbeitskollegen bei der Polizei scheinen sich alle gegen ihn verschworen zu haben. Und er berichtet uns nun locker und legère, gespickt mit reichlich "coolen" Betrachtungen über die Welt und und seine unmittelbare Umgebung, von den Wechselfällen bei der Abwicklung seines Auftrags. Allein gegen die Mafia? Nein, wir erfahren u.a., daß für den Beruf eines Privatdetektiv keinerlei besondere Fähigkeiten vonnöten sind, im Gegenteil, es ist einer, "für den der Intelligenzquotient eines Hamsters durchaus reicht".

Mike Hammer in St. Pölten? Nein, eigentlich auch nicht. "Der dreizehnte Mann", der Erstling des 1963 geborenen Manfred Wieninger, ist tief in der Tradition seines Genres verwurzelt, geht aber weit darüber hinaus, in vielerlei Hinsicht. Zum einen ist der Roman sehr raffiniert konzipiert, eine rasante Szenenfolge und das stete Spiel mit Klischees haben ein glückliches Paradoxon ermöglicht: Manfred Wieninger hat es geschafft, einen spannenden Kriminalroman nach allen Regeln der Kunst zu schreiben - und gleichzeitig dessen Parodie. Nur: was stellenweise schon fast surrealistisch anmutet, liegt wohl leider näher an der Realität, als zu wünschen wäre.

Der Autor geizt nicht mit bissigen Anspielungen auf österreichische Gesellschaft und Innenpolitik, ohne aber in die selbstgerechte Position der "political correctness" zu verfallen.
Auffällig sind auch die sprechenden Namen: Kaddisch und Salem sind wohl leicht zuzuordnen, Miert bedeutet auf Ungarisch "warum" (sehr passend für einen Privatdetektiv, oder?), ein gewisser Reichsgraf von Holzappel fiel im Dreißigjährigen Krieg (Zufall? Eva Holzapfel "fiel" jedenfalls auch) und für Eliezer Hikmet, den kultivierten Anführer der Ausländervereinigung könnte der türkische Schriftsteller Nazim Hikmet Pate gestanden sein, auch klingt "Kismet" darin an, und Hikmet bekommt tatsächlich Gelegenheit, Schicksal zu spielen... Und ein wenig spielt der Autor auch mit uns, wenn er am Schluß seines Romans den Detektiv einen Türken fragen läßt, was denn "Kaddisch" in dessen Sprache bedeute: "'Ich glaube', sagte der Bartlose, 'es bedeutet gar nichts.'"

Sabine Selzer
22. November 1999

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