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Leseprobe: Manfred Wieninger - "Der dreizehnte Mann."

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Mit der Granate meines Großvaters noch immer in der hocherhobenen Hand trat ich auf die Straße. Ich hatte sie, als Oberleutnant Gabloner beim Reservieren einen Moment nur mehr in den Rückspiegel geblickt hatte, verstohlen aus dem Handschuhfach genommen und hätte sie nun gerne wieder dorthin verfrachtet, aber vor dem Parteiheim war keine Spur des Wagens mehr zu sehen. Gabloner war stiften gegangen.
Ein schmales Mädchen mit einem Schulranzen auf dem Rücken kam mir auf dem Gehsteig entgegen. Als sie meiner skurrilen Gebärde gewahr wurde, blickte sie mich zugleich zweifelnd und erschrocken an. Als ich noch Streifenpolizist bei der Sicherheitswache war, hatte ein sturzbetrunkener Randalierer einer Kellnerin das Gesicht mit einem Weinglas zerschnitten, und ich mußte den Mann "unter Anwendung körperlicher Zwangsgewalt", wie es im Amtsdeutsch heißt, arretieren und aus dem Lokal bugsieren. Der Mann roch unbeschreiblich schlecht nach Gier und Wut und Alkohol, und ich wußte damals noch nicht, wie stark ich war. Später entpuppte sich der betrunkene Schläger als Stadtrat, und ich hatte ein Disziplinarverfahren wegen eines gebrochenen Jochbeines am Hals, das ich leicht beschädigt überstand.
Die Erinnerung an diesen Geruch stieg mir in die Nase, und ich schämte mich sehr, mit einer Handgranate vor einem Schulmädchen zu stehen. Ich wechselte die Straßenseite, steckte den Sicherungssplint in die Waffe und ließ sie in den Hosensack gleiten. (S. 136f.)

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J. Nowak besaß eine beeindruckende Sammlung von Kaffeehäferln mit Disney-Figuren, etwas Nachkriegsemail-Geschirr der Reiss-Werke, eine Vielzahl von Preßglas-Bierkrügeln und kein vollständiges Service. Alle diese Küchenbehältnisse hatten den Nachteil, leer zu sein. In ihnen war nichts zu finden außer den Spuren schlampigen Abwaschens. Ich leerte seine Mehldose und den Abfallkübel über den Küchenboden aus, wühlte mich durch angefaulte Haferflocken, Marmelade und Zuckervorräte, ich blickte wieder einmal in seinen Kühlschrank, in seinen Herd, seine Geschirrlade und unter den Fleckerlteppich, aber in der Küche war absolut nichts. Im Abstellraum fand ich nichts außer einer Gummipuppe, ein wenig Einbruchswerkzeug, leeren Obstkisten und Rumflaschen, ein paar Mops und Besen. Ich schraubte jeden Stiel ab, wenn er abschraubbar war, und blätterte einen Stapel alter Fernsehzeitschriften durch. Darunter entdeckte ich auch zwei Fotoalben mit Bildern des jungen J. Nowak und einer Frau mit extrem auftoupierter Haartrolle und in zerknitterten Baumwollkleidern. In Anbetracht dessen, daß er die Fotos im Besenkammerl aufbewahrte, wohl seine Ex.
Nach dem Kochfiasko war ich mit dem Granada gerade noch rechtzeitig zur nächsten Tankstelle gekommen und hatte von dort weiter zu Otzelbergers Gasthof gewollt. Statt dessen war der Wagen wie Don Quichotes Rosinante wieder einmal die Eisnerstraße hochgefahren. Mir war trotz knurrenden Magens klargeworden, daß ich J. Nowaks Tod nicht abzuwarten brauchte. Es kam nur darauf an, daß ich ihm genügend Angst eingejagt hatte. Im Bad, das schimmelig-dunkel und kaum zwei Quadratmeter klein war, schraubte ich den Sicherungskasten und das Putzloch unter der Duschtasse ab. Nichts. Nur der Geruch nach alter Seife und faulendem Wasser. Das WC roch wie ein Bahnhofspissoir, für das sich schon seit Jahren keine Klofrau mehr gefunden hat. Ich zwang mich, den Deckel des Spülkastens abzuheben und das Gefäß, in dem die Klobürste steckte, umzudrehen. Nichts. Ebensowenig hinter dem Rahmen der fülligen Carmen im Wohnzimmer, aber dafür lag auf dem Fernseher völlig offen ein Zettel: "Heidenheimer Straße 34. Bluthund!"
J. Nowak hatte mitgespielt. Ich steckte das Papier ein und schämte mich ein wenig, daß ich sein armseliges Leben, so wie es sich in seinem dinglichen Besitz widerspiegelte, so durcheinandergebracht hatte. (S.171f.)

© 1999, Europa Verlag, Hamburg.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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