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Walter Wippersberg: Die Irren und die Mörder.

Roman.
Salzburg: Otto Müller, 1998.
184 S., geb.; öS 198.-.
ISBN 3-7013-0973-6.

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Für Wippersbergs Roman hätte ich mir einen weniger plakativen Titel gewünscht - die mehr oder weniger fiktiven Begebenheiten, die der Autor erzählt, sind derart beklemmend, daß es der vorstrukturierenden Klassifizierung der Figuren durch die Bezeichnungen "Irre und Mörder" nicht bedarf.

Diese Irren und Mörder (man fühlt sich an Ingeborg Bachmanns "Unter Mördern und Irren" erinnert) sind ganz brave und normale Bürger im heutigen Österreich (Analogisierungen mit entsprechenden Kleinbürgern im gesamten deutschsprachigen Raum sind durchaus möglich). Keine wirklichen Rechtsradikalen, keine Skinheads oder Ewig-Gestrige, die in SS-Uniformen aufmarschieren - nein, nur brave Bürger, die alle politischen und sozialen Probleme mit einer angeblich zu ausländerfreundlichen Regierungspolitik in Verbindung bringen. Sie sind eigentlich völlig normal, und den Mord, um den es geht, begehen sie nicht selbst.

Eine kleine Zelle einer riesigen, hervorragend organisierten rechten Gruppe, plant einen Anschlag auf die Trinkwasserversorgung des Landes. Doch der Apotheker Wegner oder der Ministerialbeamte Wischnewski sind keine wirklichen Mörder: sie wollen eine Änderung der Politik und schrecken vor dem Letzten zurück. Als alle Warnanschläge keine Wirkung zeigen, wird - vielleicht als Ersatzhandlung - Wegners Geliebte Martha getötet, die zuviel von der Sache wußte. Martha hatte zwar alles der Polizei berichtet, doch die hat ihre Geschichte nicht ernst genommen - oder ist selbst in die Sache verwickelt.

Wippersberg kritisiert in seinem Roman vor allem den neuen Salon-Rassismus, der nach dem Motto, man müsse über alles reden dürfen, rechte und rassistische Standpunkte nicht bekämpft, sondern sich unter anderen Vorzeichen teilweise zu eigen macht. Auf diese Weise finden rechte Gruppierungen unter heutigen sozialpolitischen Problemkonstellationen immer mehr Befürworter, die sich selbst oft nicht als rechts bezeichnen würden.

"Die Natur des Menschen sei es, sich vom anderen zu unterscheiden, nicht ihm gleichen zu wollen" (S. 43), ist Wegners Argument gegen eine multikulturelle Gesellschaft. Erschreckend sind vor allem die menschenverachtenden Gedanken einzelner Rechter über den Wert von Menschenleben: "... soundsoviele [starben] im Strassenverkehr, warum nicht einmal auch zehn oder zwanzig an Gift? Wo war der Unterschied? Und mit welcher Hybris glaubte heutzutage ein jeder, ein verbrieftes Recht darauf zu haben, uralt zu werden!" (S. 146)

Wippersbergs Psychogramm der neuen ehrenwerten Rechten, die in allen Bevölkerungsschichten zu finden sind und deren Gedankengut auch Einzug findet in die Alltagssprache gemäßigter oder gar linker Gruppen, sollte als Schullektüre eingeführt werden. Kaum ein Autor schaffte es bislang, die hochaktuelle Thematik in eine Form zu verpacken, die als Lektüre auch für Wenig-Leser geeignet ist. Der Stoff bietet sich zudem für eine Verfilmung an.

Eva Reichmann
4. Juni 1998

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