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Alexander Widner: Sergej.

21 Szenen aus der Manege.
Wien, München: Deuticke, 1998.
63 S., geb.; [im Schuber gemeinsam mit Luigi Forte: Störung].
ISBN 3-216-30409-4.

Link zur Leseprobe

"21 Szenen aus der Mange" untertitelt Alexander Widner "Sergej", sein vom "steirischen herbst" in Auftrag gegebenes Theaterstück. Der Untertitel täuscht womöglich. Das Stück folgt einem chronologischen Aufbau, besteht nicht, wie man vermuten könnte, aus losen Einzelszenen. Ein Kreis wie in der Zirkusmanege entsteht vielmehr durch die Dramaturgie: Am Ende müßte alles wieder von vorne beginnen. Aufbau, Zertrümmern, Wiederaufbau. Es sind die Gesetze des Krieges, die den Ablauf des Textes diktieren.

Im Zentrum jeder Szene steht Sergej Kron, Freund der Künste, Gastgeber für die höchsten politischen Kreise. Sergej ist Dompteur, Clown und Zirkusdirektor in einer Person. In seinem Reich tanzt jeder nach seiner Peitsche. Seine Huren, die "Elfen", haben ihm sexuell zu Diensten zu stehen. Die Herren aus der Politik helfen beim Aktienbetrug und bei Waffenschiebergeschäften. Die Politik braucht den Kapitalismus. Und Kron hat das Geld. Wer nicht freiwillig spurt, dem werden Aktienpakete zugesteckt, nützt das nichts, droht Kron mit eindeutigen Videoaufnahmen. Kron ist ohne Zweifel ein Diktator, der seinen eigenen Privatkrieg führt, das ganze Stück ist eine Kriegserklärung.

Während die Vertreter des Staates die "Sprache der Entschlossenen haben und die Taten der Zauderer"
(S. 48), ist Kron sowohl ein Mann der Tat als auch der Worte. Er zimmert sich eine Privatphilosphie ("If you can't eat it, fuck it", S. 26), mischt den Namen Gottes, die Worte Stalins und eigene Lebensmaximen wild zusammen, spielt den rabiaten Clown ("Wer sich vordrängt mit Witzchen, den werf ich raus. Den erschieß ich, den erschieß ich, den erschieß ich", S. 26), gibt in einem Moment den Gönner und im nächsten das Arschloch. In seinen feudalen Gemächern herrschen keinerlei Zwänge, nur ein Gesetz: Kron ist das unumstößliche Zentrum der Welt.

Alexander Widner blickt - wie in fast allen seiner Stücke - in den Kopf eines Größenwahnsinnigen, eines Sprachbesessenen, eines unermüdlichen Monologisierers. "Sergej" enthält eine gute Rolle, die anderen sind Publikum, bestenfalls Stichwortgeber. Eine Konstellation, die der Uraufführung in Graz sichtlich zum Problem wurde.

"Sergej" ist - wie es schon fast ein Markenzeichen des 57jährigen Kärntner Autors geworden ist - ein Drama, das von einer realen Biografie ausgeht. "Sergej" sei, so wurde es angekündigt, das Stück zum Leben des inhaftierten Geschäftsmannes Udo Proksch. Helmut Schödel, Autor einer Proksch-Biografie und Theaterprogrammchef des diesjährigen steirischen herbstes, gab den Text bei Widner in Auftrag. Jetzt distanziert sich das Festival von allzu großer biografischer Nähe.

Auch wenn im Buch vermerkt ist, daß Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen rein zufällig wären, auch wenn die Plakate in Graz augezwinkernd den Hauptdarsteller mit einem T-Shirt mit Proksch-Foto zeigen und darüber in großen Lettern "Sergej ist nicht Proksch" zu lesen stand - Proksch ist zumindest beim Lesen stets präsent. Faßbar wird er jedoch kaum. Man erfährt so gut wie nichts Konkretes über Proksch. Widner hält bewußt alles in Schwebe, vermeidet jede Erklärung, schert sich wenig um sogenannten Realismus oder um Psychologie. "Sergej" ist daher auch kein Polit-Krimi. Das Stück ist ganz Worttirade, ein knapp skizziertes und ins Absurde überhöhtes Modell vom Aufstieg eines Größenwahnsinnigen bis in die höchsten Kreise der Macht im Staat. Widner gelingt es, seine Figur in zahlreichen Facetten zu präsentieren, doch nie zur Gänze faßbar werden zu lassen. Zu verworren sind seine Gedankenbahnen. Die Reden Krons bleiben ausschweifend, ausufernd, ein Wortschwall, der mitunter schwer logisch aufzuschlüsseln ist. Insofern streift Widner wichtige Themen wie Männerbündelei, die Verbindung von Politik und Kapital, die Rolle der Kunst als Pausenclown eher, als daß er sie vertieft. Daß so manche Textstellen daher ohne wirkliches Referenzzentrum quasi in der Luft hängen, liegt in der Natur der Sache. Trotzdem darf man "Sergej" als eines der gelungensten Werke in Widners langer Serie von biografischen Dramen werten.

Karin Cerny
22. Oktober 1998

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