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Joseph Zoderer: Der Himmel über Meran.

Erzählungen.
München, Wien: Hanser, 2005.
141 S.; geb.; Eur 14,80.
ISBN 3-446-20667-1.

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Interview zum 70. Geburtstag

Es ist der Stoff, aus dem die großen Werke der Weltliteratur gestrickt sind, den Zoderer in seinem jüngsten Werk "Der Himmel über Meran" bemüht. Er erzählt vom Krieg, vom Altern der Mutter, vom Sterben des Vaters, von Liebe und Abschied, von Armut und Verzweiflung, vor dem Hintergrund des historischen und politischen Geschehens im Europa des zwanzigsten Jahrhunderts. Doch schreibt er keinen Jahrhundertroman, keine große Erzählung, unternimmt keinen großen Wurf, vielmehr versucht er, die große Geschichte im intimen Bereich der Familiengeschichte nachvollziehbar zu machen, indem er die einschneidenden Entwicklungen der Zeit auf einen Kammerton hinunterspielt und dadurch an Authentizität gewinnt. So erhascht er in den sechs Erzählungen in zarten, stillen Bildern einen Blick auf das Alltagsleben vertrauter und doch so fremder Menschen.

Aus der Erinnerung an die eigene Kindheit und Jugend heraus beschreibt Zoderer die vergebliche Suche nach Heimat, nach dem Gefühl der Geborgenheit und Zugehörigkeit im Kreise der Familie und Freunde. Das Gefühl der Entfremdung, der Einsamkeit selbst in Gemeinschaft zieht sich als roter Faden durch das Buch, selbst im Kreise der nächsten Angehörigen, wie in der Erzählung "Das Haus der Mutter", wird die Wirklichkeit zeitweise als fremd, als bedrohlich erfahren. Und doch ist Zoderers Ton nie ein pessimistischer oder gar zynischer, sondern wird getragen von tiefer Zuneigung und Verständnis für die Schwächen und Ängste der Menschen, die er in den Erzählungen ein Stück lang begleitet. Sein Blick auf sie ist niemals ein urteilender oder mitleidiger, selbst in Szenen von beinahe schmerzender Intimität, wenn er und mit ihm der Leser Zeuge des Sterbens des Vaters oder des Selbstmordes des Mädchens wird, rückt er den Figuren nicht zu Leibe, sondern bewahrt respektvolle Distanz, wahrt die Perspektive eines taktvollen, zartfühlenden Gegenübers. Sein Ton ist geprägt von stiller Melancholie, von Abschied, von der Stimmung des kühlen Herbstnebels, der sich über die Felder der Dolomiten senkt und allzu grelle Bilder und Emotionen dämpft. Nur so gelingt das Erzählen überwältigenden Schmerzes, ohne in leeres Pathos zu rutschen.

Mit einem in der Enge der Provinz geschulten Blick, mit dem Gefühl für Verborgenes, für bloß Angedeutetes nimmt Zoderer das Geschehen wahr, die Schicksale der Menschen gewinnen als Ahnung in den kleinen Details an Gestalt. Gerade im Ausgesparten, im Zurückschrecken vor dem zu Ende Erzählen, vor dem Herabmindern der menschlichen Tragödien in der Sprache, steckt die Kraft dieser Erzählungen. Das Gesagte wird in Bildern belassen, die sich unaufdringlich dem Auge des Lesers in all ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit präsentieren.

Ohne anzuklagen, ohne zu provozieren versucht Zoderer etwa in der ersten Geschichte durch vorsichtiges Befragen des ältesten Bruders die Familiengeschichte vor dem Hintergrund der großen Geschichte, der Option in den dreißiger Jahren, zu rekonstruieren, zu verstehen. Er, der damals erst Vierjährige, wagt es erst nach dem Tod der Eltern, sich an seinen um elf Jahre älteren Bruder zu wenden: "Aber auch mein Bruder hatte sich erst allmählich daran gewöhnen können, gefragt zu werden, von mir, dem viel Jüngeren, er war in seinen Antworten immer zögernd wie ein Aufgeschreckter, so wie ich in meinen Fragen mich nur vorzutasten wagte, um ihn und mich nicht zu verletzen, wir stammelten uns in eine Art unnötige Lebensrechtfertigung hinein..."

Dieses stetige und doch zögernde Befragen der persönlichen Geschichte und Erfahrungen, dieses Umkreisen des Unsagbaren prägen das Schreiben Zoderers sowie die Haltung der Figuren seiner Erzählungen zueinander. So sind auch die Erzählungen kreisförmig angelegt, mit der letzten Erzählung knüpft er an die erste an, versucht erneut, diesmal ohne den Bruder als verbindendes Glied zur Vergangenheit, die Zeit der Option aus der Sicht der Betroffenen zu rekonstruieren, die sich zu entscheiden hatten zwischen "Deutsch bleiben oder Italiener werden", auf diese einfache Formel wurde es von den Politikern gebracht, die keinen Platz ließ für individuelle Schicksale.

"Den Himmel über Meran kenne ich nicht. Obwohl ich unter ihm geboren bin an einem Novembermorgen. Obwohl dort meine Eltern begraben sind (unter einem stetig sich verändernden Himmel)." Schon als Vierjähriger wurde Zoderer der Heimatstadt Meran entrissen und seine Familie im Zuge eines Abkommens zwischen Mussolini und Hitler in Graz angesiedelt, doch auch das nur vorübergehend, auch dieser Himmel ging ihm im letzten Kriegsjahr wieder verloren, doch hat er ihm "trotz allem den Rahmen gesteckt für die Welt; das Zufällige, das Kleine, auch der Jakomini-Platz, waren für mich die Welt, und diese Welt ist mir geblieben als Abgrenzung vom Fremdsein."

Einzig in der Erzählung "Die Nähe ihrer Füße" wagt es Zoderer, aus dem Bannkreis der Familiengeschichte und der unruhigen Geschichte Südtirols auszubrechen und das Scheitern einer Liebe zu beschreiben, vor der Kulisse einer spanischen Küstenstadt ohne Namen. "Auf dem Balkon wirbelte der Wind die raschelnden Platanenblätter eines anderen Sommers herum." Das schmerzliche Wiedersehen von Nela und dem jungen Mann findet unter trübem Winterhimmel statt: "Jäh stürzte unvertraute Nähe über ihn; später in der Nacht, als sie ihn in das Ende hetzte, sagte sie: ich habe bis Dezember gewartet, das war meine Zeit, dann das lange trostlose Jahresstück, in dem ich nach nichts verlange, und da kommst du, warum bist du nicht früher gekommen?" So spiegeln die wechselnden Himmel über den Schauplätzen und die Räume, in denen die Begegnungen der Menschen stattfinden, stets die Beziehungen ihrer Bewohner wider. Kahl, unbeheizt, düster ist auch die Wohnung der Freundin, in der Nela vorübergehend schläft, als Ausdruck der Entfremdung zwischen ihr und dem jungen Mann, derer sie nun wütend, traurig, hilflos gewahr werden. "Ihre Füße waren sich am nächsten, ohne sich zu berühren, doch die Gesichter waren weit entfernt, vielleicht hätte er sich zwingen sollen, diese zwei Meter zu ihr hinüber zu gehen. So aber verlor sich diese Kraft, die sie am Meer, in dem verrotteten Hafenviertel, zusammengehalten hatte." Ob Krankenzimmer oder Flüchtlingslager, Zugabteil oder Mietzimmer, stets sind die Räume in den Erzählungen nur transitorische, nie werden die Figuren in ihnen heimisch, sondern weilen in ihnen für die kurze Zeit, in der sich in ihrem Leben eine einschneidende Veränderung vollzieht.

Die Zeit scheint sich zu dehnen, gerade in den Momenten des Übergangs, des Wartens auf das Erwachen des fremd gewordenen Geliebten oder auf den Tod, auf das Einsetzen des überwältigenden Schmerzes bei der Totenfeier, und der Blick wird geschärft für die Flüchtigkeit des Augenblicks, fasst sie in ein eindringliches, sprachliches Bild: "Sie standen einfach da, und ich dachte: sie weinen. Und zum erstenmal habe ich sie vielleicht erkannt, sie standen da, ohne zu reden und seltsam voneinander getrennt, als lauschten sie Geräuschen, die sie vielleicht immer schon gehört hatten, diesmal aber wie zum erstenmal."

Zoderers Prosa wagt es, innezuhalten, sich in diesen Zwischenräumen einzunisten und diese Augenblicke der Veränderung zu Erinnerungsbildern einzufrieren, die sich dem Leser dieses schmalen Erzählbandes gerade durch ihre unprätentiöse, stille Eindringlichkeit einprägen und ihm ein schönes Leseerlebnis schenken.

 

Martina Wunderer
18. September 2005

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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