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Joseph Zoderer: Der Schmerz der Gewöhnung.

Roman.
München, Wien: Hanser, 2002.
296 S., geb., EUR 19.90.
ISBN 3-446-20137-8.

Link zur Leseprobe

Der Südtiroler Autor Joseph Zoderer, bekannt geworden durch Romane wie "Das Glück beim Händewaschen" und "Die Walsche", ist seinem Thema, seinem Sujet treu geblieben: Immer noch ist es das Spannungsverhältnis zwischen der verzweifelten Suche nach "Heimat" und der unvermeidlichen Einübung in die eigene Fremdheit, immer noch sind es die panischen Landnahmen all jener, die den Heimat-Boden unter den Füßen verlieren, immer noch sind es die Abgründe der Geschichte, über denen man es sich häuslich eingerichtet hat, und immer noch die zum Scheitern verurteilten Versuche, aus der eigenen Biographie auszutreten, an denen sich der mittlerweile 67-jährige Autor abarbeitet und die ihm immer wieder Antrieb sind, zu erzählen.

Gerade die in jüngster Zeit etwas inflationär gewordene Redeweise von der "Wiederkehr des Erzählens" erweist sich im Falle Zoderers als überflüssig, denn er ist offenkundig jemand, dem das Erzählen seit jeher eine Notwendigkeit ist; er begnügt sich in der Folge auch nicht mit sprachlicher Artistik, ihm ist es vielmehr darum zu tun, existenzielle Erschütterungen, Befürchtungen, Ängste, Irritationen in eine luzide, sinnenhaft-plastische, zupackende Sprache zu bannen. Man ist versucht, Zoderers neues Buch mit seinem sperrigen, etwas abstrakten, irreführenden Titel (der die Leser allerdings nicht abschrecken sollte) als einen "Südtirol-Roman" zu bezeichnen, und es wäre nicht das erste Mal, dass eines seiner Bücher dieses Etikett verpasst bekäme. Auch wenn man damit den inneren Gehalt dieses Romans in ein vorgefertigtes Schema presst, hat es dennoch einige Berechtigung, denn Südtirol mit seiner an Brüchen und Konflikten reichen jüngeren Geschichte ist mehr als nur sein Schauplatz, es ist über weite Strecken sein Gegenstand, ist jener Brocken, an dem (nahezu) alle seine Figuren würgen; so heißt es etwa an einer Stelle: "Südtirol, seine Heimat, eine erstklassig kaschierte Berufsprostituierte (= illusionslos, aber mit Karriereinstinkt die Führungsschicht), eine Ausverkaufsbereite, die heilige Litaneien sang und unentwegt für Weihnachtsstimmung sorgte." (S. 184)

Obwohl manche Passagen - wie etwa die eben zitierte - einen etwas kommentarhaft-belehrenden Tonfall haben, befindet sich der Text insgesamt niemals in Distanz zu seinem Gegenstand und dessen Atmosphäre, wird darin niemals von einer übergeordneten Warte aus erzählt und geurteilt. An die Stelle einer großen Übersicht treten vielmehr einzelne Innensichten; über weite Strecken prägt die personale Perspektive des männlichen Protagonisten alle Schilderungen und Reflexionen. Etliche Stellen des Romans suggerieren darüber hinaus eine große, unmittelbare Nähe des Autors zu den geschilderten Vorgängen und Charakteren; dieser Eindruck erhärtet sich, wirft man einen Blick auf seine Biographie: Wie sein Protagonist Jul hat auch Zoderer die Kriegsjahre und die Bombennächte als Kind in Graz erlebt, und wie jener war auch er zeitweilig in einem Schweizer Internat untergebracht; und selbst der Beruf als Rundfunkjournalist, dem der Protagonist des Romans eine Zeit lang nachgeht, hat seine Entsprechung in der Biographie des Autors, der in den siebziger Jahren für österreichische Tageszeitungen gearbeitet hat.

Mag der Titel des Buches auch abwegig erscheinen, das Wort "Schmerz" enthält er nicht von ungefähr: Am Beginn bereits stehen jene starken Kopfschmerzen, an denen Jul leidet und die, wie sich herausstellt, von einem Tumor herrühren; es sind dies jene Schmerzen, die den ganzen Erzähl- und Erinnerungsfluss grundieren und die am Ende unerträglich werden. Im Zentrum der Geschichte steht zudem der Schmerz, den die vielen Grenzen den einzelnen Menschen bereiten: Als unverwischbar etwa erweist sich die Grenze zwischen Jul, dem deutschsprachigen Südtiroler, und seiner Frau Mara, deren sizilianischer Vater in den dreißiger Jahren als faschistischer Funktionär nach Südtirol gekommen ist. Dieser familiären Vergangenheit, die wie ein unüberwindbarer Block zwischen ihnen steht, wird in der Erzählung breiter Raum gegeben, die Figur des toten Vaters, des Faschisten, der bald nach 1945 ein in Bozen allseits geachteter Advokat gewesen ist, wird unentwegt umkreist, und die entsprechenden Passagen zählen denn auch zu den eindringlichsten des ganzen Romans. Die Grenze, die durch die Familien wie durch die Biographien der einzelnen Menschen geht, wird dabei deutlich aufgezeigt. Der Schmerz, den es bereitet, sich in der eigenen Heimat als Fremder zu fühlen, wird überformt und verstärkt von der Trauer des Ehepaars um die gemeinsame Tochter, die bei einem Badeunfall ums Leben gekommen ist und eine unauffüllbare Leere hinterlassen hat.

Zoderers Buch ist ein dichtes Erzählgewebe, in das viele verschiedene Fäden eingewirkt sind; der Erzählverlauf ist geklittert, unentwegt springt der Erzähler zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her, Gegenwart und Vergangenheit werden im Verlauf des Romans einander angenähert und verschränken sich schließlich. Die sinnliche Prägnanz von Zoderers Sprache allerdings wird an etlichen Stellen konterkariert durch erklärende Einschübe, zumeist in Form von Klammersätzen, die den Textfluss auf unnötige Weise hemmen, und immer wieder auch finden sich Formulierungen, die einem sorgfältigeren Lektorat hätten zum Opfer fallen müssen, etwa "die frauliche Stimme des Maskencowboys" (S. 125) oder "... obwohl der Meister sein eigener Meister ist" (S. 216) oder der Satz: "Es war wohl nur wie ein Ablauschen, ein Ausmessen des Alleinseins des Anderen: He du da!" (S. 149). Auch hat das Buch insgesamt unzweifelhaft seine Längen und es lässt in der Diktion jene Straffheit vermissen, die etwa "Die Walsche", thematisch eng mit diesem neuen Roman verwandt, von der ersten bis zur letzten Seite aufweist. - "Der Schmerz der Gewöhnung" ist der ehrgeizige Versuch, eine große Bilanz zu ziehen, und dem Leser statt einem kleinen Ausschnitt ein (wenngleich auch zersplittertes) Panorama zu bieten. Auch wenn dieser Versuch nicht in allem geglückt ist, beachtenswert ist er allemal.

 

Christian Teissl
6. Mai 2002

Originalbeitrag

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