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Leseprobe: Joseph Zoderer - "Der Schmerz der Gewöhnung."

Er selbst war nicht stolz auf seine Heimat - und manchmal verleugnete er sie sogar, weil sie ihm zu touristisch, zu schön war: diese weißen Dolomitengipfel, dieses Höhenmeer an Felsriffen, über die der blaue Himmel schwappte oder der Nebel, und die nach Schneefall mit weißen Häuptern auftauchten im Sonnenglitzern, diese Hochebenen, über die man wie zum Abfliegen mit ausgebreiteten Armen gehen konnte, an einzeln stehenden, verwitterten Lärchen vorbei oder über die Almen mit ihrer bukolischen Verlassenheit, dem Anschlagen der Kuhglocken, den flechtengrauen Steinbrocken, hingeworfenen Felsquadern, um die herum das sperrige Alpenrosengesträuch grün und rosig wucherte - ich, sagte er sich und hatte es sich mehrmals wiederholt gesagt, ich wäre lieber in Andalusien auf die Welt gekommen oder in der Sahara neben einer Blechdose oder vielen Blechdosen, in denen der Wind sich gedreht hätte, es wäre auch meine Kindheitsmelodie geworden: für immer. Er hätte eine kargere, unauffälligere, vielleicht auch eine Landschaft wie die nebelige Plattheit der Poebene oder das Heideland im deutschen Norden oder die endlos scheinende Morgentraurigkeit niederösterreichischer Schlachtfelder der Türkenzeit, des Marchfeldes, aller und jeder Postkartengefälligkeit vorgezogen.
Diesen Aufmarsch mit Baldachinen und Monstranzen, mit Jesus und Maria, das hätte er schmunzelnd oder feixend hingenommen (und hatte es auch einige Male mitgemacht). Was ihn aufbrachte, war diese Selbstzufriedenheit, mit der sie Barrieren errichteten. Aus Wut beschimpfte, verleugnete er von Zeit zu Zeit seine Heimat: nicht die verschneiten Waldwege im Dezember oder die rotblättrigen Kirschbäume im Herbst, sondern die Arroganz der Ignoranz, diese ganze Stammtischbrüderschaft - da fühlte er sich fremd wie Mara. Aber andererseits wurde er Mara gegenüber mit zunehmender Übergwöhnung selbst zu einem lederhosigen Heimatverteidiger, eigentlich zu einem selbsternannten Heimatbesitzer, der sie von Mal zu Mal spüren und auch mit Worten wissen ließ, daß er der Einheimische und sie die Besatzerstochter war. Mehr als einmal rief er: Sag mir, in welcher Sprache ich mich dir verständlich machen kann, soll ich Griechisch oder Latein sprechen? Und sie: Red nicht so Blödsinn -.
(S. 172 ff)

© 2002, Hanser Verlag, München, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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