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Michael Köhlmeier: Der Tag, an dem Emilio Zanetti berühmt war.

Roman.
Wien: Deuticke Verlag, 2002.
110 S., geb., EUR 12,90.
ISBN 3-216-30628-3.

Link zur Leseprobe

Die Wahrheit liegt im Satz von Sinowatz: Die Welt ist wirklich kompliziert. Wissenschaftliche Theorien erklären am Ende rein gar nichts mehr. Zum Schluß steht immer irgend eine Unschärfe im Raum oder ein Modell, von dem sich kein Mensch mehr eine Vorstellung macht. Selbst die ehedem einfachsten Dinge wie die Ergatterung eines Einkaufswagens im Supermarkt oder die schlichte Erlangung eines Tages Sonderurlaub gestalten sich zunehmend schwieriger: Einfach deshalb, weil es just keine Zwei-Euro-Münze oder schon bald keinen Sonderurlaub mehr gibt.

Bei Michael Köhlmeier hingegen ist die Welt noch in Ordnung. Was nicht meint, daß in ihr nichts passiert. Auch in der neuen Erzählung des vielleicht nicht berühmtesten, aber mit Sicherheit besten Vorarlberger Erzählers passiert etwas, aber es passiert dies ganz en passant. Da steigt ein junger Mann aus Hohenems auf einen 60 Meter hohen Strommast, streckt den Kopf weit über das Rheintal und droht (wie könnte es anders sein) genau damit: nämlich zu springen. Die Ausgangssituation der Erzählung ist denkbar einfach und auch ihr Ende darf man getrost verraten, weil schon auf den ersten Seiten alles vorhersehbar ist. Der Mann wird nicht springen. Sein Freund, ein junger Bub (ebenfalls aus Hohenems), holt ihn herunter.

Das isolierte Ereignis (Hinauf- und Hinuntersteigen) zählt in Köhlmeiers Text viel mehr als seine Einbettung in einen größeren Zusammenhang. So erfährt man zwar, daß der 26jährige Kletterer Emilio Zanetti einen Herrn namens Vinzenz Manal zusammengeschlagen hat, daraufhin von der Polizei verfolgt wurde und sich schließlich auf seine gefährliche Aussichtswarte gerettet hat. Der grundlegende Antrieb seines Tuns bleibt aber ebenso ausgespart wie der weitere Verlauf der Geschichte. Den Anfang und das Ende seiner Erzählung präpariert Köhlmeier wie im Labor. Er schneidet dazu ganz einfach die natürlich scheinenden Ausfaserungen der Geschichte nach vorne und hinten ab.

In seiner hochartifiziellen Erzählweise (die mit den althergebrachten Techniken des Experiments vielleicht mehr zu tun hat, als manch ein gestrenger Avantgardist meint) hat es Köhlmeier in seinen jüngsten Texten zu großer Meisterschaft gebracht. Eine spezifische Art der Konstruiertheit, von der man sich ohne weiteres vorstellen könnte, dass sie dem Text nicht von außen umgestülpt wurde, sondern in ihm gewachsen ist, dominiert auch die neue Erzählung, die übrigens nur 110 relativ großgedruckte Seiten hat. An einer Stelle des Textes erinnert sich der späterer Lebensretter an eine schlaflose Nacht:

"Im Lager konnte ich nicht schlafen. Ich lag wach und zählte auf, was ich kannte. Alle Straßennamen von Hohenems, die mir einfielen. Alle Familiennamen, die mir in den Sinn kamen. Ich zählte Bäume auf, Fische, Säugetiere, Vögel. Aber ich schlief nicht ein. Als ich dann doch fast eingeschlafen war, machte mich der Gedanke wach, daß ich die Käfer vergessen hatte. Ich zählte alle Käfer auf, die ich kannte, und alle Speisen und versuchte zu beten. [...] Es war niemand da, mit dem ich mich hätte befreunden wollen. Da beschloß ich zu gehen. Ich ging in den Wald hinein. Ich hatte nichts bei mir. Ich ging, und als es dunkel wurde, legte ich mich unter eine Fichte. Alles war einfach."

Der kleine Prinz, der in seinem Denken alles so wunderbar vereinfacht, hat diesmal nicht die Erfahrung der Wüste gemacht, er entstammt dem Vorarlberg der 50er Jahre. Es ist eine reale Begebenheit, auf der Köhlmeiers Buch basiert. Eine regionale Hieroglyphe stellt der Autor als Motto an den Beginn: "Daß des alls erscht moan wär / Daß hüt min Weg döt anegot / Wo im Summr im Riad / Da goldene / Da goldene / Da goldene Türgga stoht."

Wir Restösterreicher behelfen uns angesichts solcher Zeilen am besten mit freier Paraphrase: Einmal läuft man in diese Richtung, dann wieder in die andere, nur selten kommt man zum rechten Zeitpunkt dorthin, wo der goldene "Türgga" steht. Worum es sich bei diesem letzten Wort handelt, vermochte übrigens nicht einmal meine eilige Nachfrage bei einem Einheimischen zu klären. Vielleicht wirklich ein Türke? Als den man in Vorarlberg Strommasten bezeichnet? Das wäre irgendwie logisch und machte jenen einfachen Sinn, den das Buch ansonsten nicht vermissen läßt.
Reine Lesezeit: 70 Minuten.
Lesevergnügen: maximal.

 

Klaus Kastberger
11. März 2002

erscheint auch in: Falter / Buchbeilage, März 2002.

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