Leseprobe: Theodor Kramer - "Laß still bei dir mich liegen."

Nach einem Wandertag

Draußen geht der Tag zu Ende,
in der Kammer rauscht es leer;
feucht vom Gras sind deine Hände
und vom Rucksacktragen schwer.
Nimm den Imbiß noch, ich stecke
übers Wandbrett dir ihn zu;
aufgeschlagen ist die Decke
und das Bett bereit zur Ruh.

Dunkel schimmert im Entschlafen
unsern Augen noch einmal
auf, was unterwegs wir trafen,
Klee am Hang, Gebüsch im Tal.
Vor dem Quell, aus dem wir schöpften,
schauen traumhaft wir uns stehn,
auch die Stöcke, wie sie köpften
Disteln unterm Weitergehn.

Deine Schulter, die mich duldet,
nun zu Ende geht der Tag,
dünkt mich fest, doch ausgemuldet
wie der Grund, auf dem ich lag.
Mit den Schläfen, mit den Wangen
schweigsam nahe deinem Hauch,
halt ich schläfrig dich umfangen
und Gesträuch und Rasen auch.
(S. 32)

(c) 1997, Paul Zsolnay Verlag Gesellschaft m. b. H., Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.