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Michael Stavaric: Magma.

Roman.
St. Pölten, Salzburg: Residenz, 2008.
244 Seiten; geb.; Euro 19,90.
ISBN 978-3-7017-1506-3.

Link zur Leseprobe

Es kann faszinierend sein, eine Jahreszahl ins Suchfeld von Wikipedia einzutippen. Dutzende weltpolitische Ereignisse, Naturkatastrophen, wissenschaftliche und kulturelle Leistungen, Geburten und Todesfälle werden da aufgelistet. Erstaunlich, was im Lauf der Geschichte alles gleichzeitig passiert und wie sich plötzlich Dinge in unmittelbarer Nachbarschaft finden, zwischen denen gefühlsmäßig eigentlich Welten liegen müssten.

An einen solchen Besuch bei Wikipedia erinnert auch Michael Stavarič' Roman Magma. Ein geheimnisvoller Erzähler, der ein zurückgezogenes Leben in seiner Zoohandlung führt, plaudert sich darin durch die Weltgeschichte, vom Urknall bis in die Jetztzeit – und das stets aus der Perspektive des Augenzeugen. Er interessiert sich für frühe Hochkulturen, industrielle Schokoladeproduktion und außergewöhnliche Lebensläufe, am meisten aber für Schiffskatastrophen, die im "Roman" als roter Faden dienen. Ansprechpartner des monologisierenden Zoohändlers ist meist der sprechende Hamster Bruno, gelegentlich auch die neue Angestellte in seinem Laden. Vieles deutet darauf hin, dass es sich bei diesem alles besser wissenden Erzähler um den Teufel höchstpersönlich handelt, was seine Lust an Katastrophen erklärt, seine Wasserscheu und seinen Aberglauben eher weniger. Er liebt schlechte Kalauer und seichte Scherze ("Nebukadnezar musste Gras fressen und erfand gleichsam die vegane Küche"), ganz beiläufig sagt er Ungeheuerliches ("Später wurden die Menschen gerne vergast"). Vielleicht ist er eine Art Dämon, vielleicht nur eine Art Münchhausen, letztendlich ist das egal: Der Text ist nicht darauf angelegt, das Rätsel um die Person des Erzählers zu lösen, widersprüchliche und meist geheimnisvoll klingende Anspielungen müssen genügen. "Es gibt kein ungerechtes Schicksal, es gibt die Bestimmung und mich, und jemanden wie mich sollte man nicht unterschätzen", heißt es einmal.

Ob Leibhaftiger oder nicht, in jedem Fall ist es eine erzählerische Höllenmaschine, die der unheimliche Zoohändler in Magma in Gang setzt. Sie kennt zwei Modi: Skip und Fast forward. Die Erzählung springt von Anekdote zu Anekdote, von der Entführung der Achille Lauro zum ersten Spaceshuttle und von dort zur Biographie des Barockgelehrten Athanasius Kircher, vom Leben der ungarischen Massenmörderin Elisabeth Bathory zu Newtons Gravitationsgesetzen, von der Titanic zur Geschichte der Glasherstellung, von dort zum Untergang des assyrischen Reiches und wieder zurück in den Alltag des Zoogeschäfts, der so etwas wie eine Rahmenhandlung darstellt. Rasend schnell werden Anekdoten, historische Fakten und wohl auch einiges Geflunkere zum Besten gegeben, schon beginnt ein neuer Absatz mit einem neuen Thema, eins, zwei, drei, im Sauseschritt läuft die Erzählung weiter.
Lust an der Geschwindigkeit kennzeichnet nicht nur das neue Werk von Michael Stavarič, sondern auch die Karriere des Autors selbst. Der 1972 im tschechischen Brno Geborene wurde 2006 durch seinen – ebenfalls temporeich erzählten – Roman stillborn bekannt. Seither legte er neben kleineren Veröffentlichungen sowie Übersetzungen aus dem Tschechischen einen weiteren Roman, zwei Kinderbücher und einen Band mit Prosaminiaturen vor. Gleichzeitig mit Magma enstand ein weiterer Roman, der im Frühjahr 2009 bei C. H. Beck erscheint. Stavarič sammelt in Rekordzeit Preis um Preis, Stipendium um Stipendium.

Seine stilistische Brillanz und vor allem seine Rasanz stellt der zweisprachige Autor, für viele eine der größten Nachwuchshoffnungen der österreichischen Literatur, auch in Magma unter Beweis. Das Buch ist virtuos und leichtfüßig gemacht, und die schiere Materialfülle, die Michael Stavarič auf gut 240 Seiten unterbringt, ist sicherlich beeindruckend. Der Roman hat aber auch etwas von einer Vergnügungspark-Attraktion: Ist man einmal eingestiegen und festgeschnallt, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich dem Tempo und der mechanischen Gewalt hinzugeben, mit der man da herumgewirbelt wird. Hat man vor Ende der Fahrt genug von dem Gerüttle und Geschüttle, hilft das wenig: Die Maschine spult ihr Programm unerbittlich ab, ob den Fahrgästen die schnelle Fahrt nun Spaß macht, ob ihnen schlecht geworden ist, oder ob sie sich angesichts der Monotonie des Ganzen schon ein bisschen langweilen. Einmal in Gang gebracht, reißt Magma seine Leser mit sich fort, rast und springt von der Geschichte eines karibischen Freibeuters über die Biographie von Hedy Lamarr zu den Lieblingstieren von Edison, Schostakowitsch und Elisabeth der Ersten, eine Seite später wartet Descartes, kurz darauf ist der letzte Auerochs in Polen erlegt. Links ist die Kassa, rechts ist der Ausgang.

Ein bisschen erinnert der Betreiber der Stavaričschen Höllenmaschine auch an Qualtingers Halbwilden auf seiner Maschin': Schnell ist er ja, wohin die Reise gehen soll, bleibt hingegen unklar. Und so gilt für Magma auch: Nach der Fahrt ist vor der Fahrt. Der Höllentrip ist irgendwann zu Ende, man erhebt sich mit wackeligen Knien wieder aus seinem Sitz – und stellt fest, dass man im Grunde nicht vom Fleck gekommen ist.

 

Georg Renöckl
20. Jänner 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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