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Gudrun Seidenauer: Aufgetrennte Tage.

Roman.
St. Pölten/Salzburg: Residenz, 2009.
264 S.; geb.; Eur 21,90.
ISBN 978-3-7017-1514-5.

Link zur Leseprobe

Ein eindringliches Frauenportrait der kalifornischen Fotografin Claudia Kunin und ein vielschichtiger Buchtitel ummanteln Gudrun Seidenauers komplexe Mutter-Tochter-Geschiche "Aufgetrennte Tage". Der Romantitel bezieht sich auf das Strickfaible der alternden Mutter Marianne und ihren durch Morbus Alzheimer bedingten Zeitverfall. Auch ihre Trennungen deutet er an – von der Südtiroler Heimat, vom Kind Friederike und von der kurz währenden Liebe zu ihrem Ehemann, der im Alter durch einen Unfall stirbt.
Hier setzt Gudrun Seidenauer mit ihrem zweiten, nach "Der Kunstmann" (2005) abermals präzise konstruierten Roman an. Sie erzählt das dem Unfall – oder Mord? – folgende Halbjahr 1992 in 12 Kapiteln und aus wechselnden Perspektiven, die den beiden Protagonistinnen auch stilistisch gerecht werden. Denn bedingt durch Mariannes Krankheit und ihre traumatisierende Vergangenheit ist ein Abgleichen beider Erinnerungen nicht möglich. Friederike schildert in der Ich-Form die äußeren und inneren Geschehnisse, Mariannes Geschichte hingegen erfahren wir zersplittert, aus einer selbst-distanzierten Über-Ich-Position.

Marianne Comploi wächst mit ihren drei Geschwistern in einer Südtiroler Kleinstadt auf, während dort die faschistische Italianisierung voll im Gange ist. Hier erfährt sie ihre erste Zerrissenheit: Im Unterricht darf sie nicht Deutsch und in den Pausen nicht Italienisch sprechen, will sie nicht als Verräterin gelten, den Umgang mit Italienern soll sie meiden, doch strickt sie für "Walsche". Im August 1941 schließlich besteigen die Achtzehnjährige und ihre Familie mit anderen für das "Deutsche Reich" Optierenden einen Zug nach Mähren. In Příbor (Freiberg) – der Geburtsstadt Sigmund Freuds – und Ostrava (Ostrau) sind es nun sie, die das Haus einer einheimischen Familie okkupieren und die "Umvolkungs"-Gehilfen eines Diktators abgeben. Marianne lernt Tschechisch und fühlt sich neuerlich zerrissen. Nach dem Ende der deutschen Besatzung wird die Familie mit einem "N" als Nĕmec / Deutsch markiert und interniert. (Spätestens hier wäre die Kriegsvergangenheiten gegeneinander aufrechnende Diskursmaschine des Kärntner "Königs der Herzen" angelaufen ...)
Ihre Flucht treibt Mariannes Familie erst in ein Wiener Auffangzentrum, dann für zwei Jahre in ein Salzburger Lager. Dort lernt sie den Bauernsohn Hermann Gruber, der nach Stationierungen in Russland und Frankreich in amerikanische Gefangenschaft geriet, kennen. Als Marianne mit ihrer Mutter nach Bozen zurückkehrt, verspricht ihr Hermann, ihnen ein Haus in Österreich zu bauen. Nach zehn Jahren, die sie in Kaltern zubringt, ist die eheliche Bleibe errichtet und Friederike wird geboren.

An Friederike verdeutlicht Gudrun Seidenauer die Problematik der Auseinandersetzung mit der Geschichte einer auf das Vergessen pochenden Generation. Als Jugendliche meint Friederike die Okkupationsmithilfe und NS-Ideologie ihrer Eltern demontieren zu können, später wird sie "unter der Patina gedämpften Gleichmuts gegenüber alternden Eltern" ihr diesbezügliches Stummbleiben akzeptieren. Marianne wiederum fügt sich ihrem jähzornigen und repressiven Ehemann, der als Handwerker zuhause noch weiterarbeitet, während sie unbedankte Hausfrauendienste leistet, in ihrer inneren Emigration Augen zeichnet, strickt und Marmelade einkocht.
Nach der Matura verlässt Friederike, deren Nähe zum Vater jene zur Mutter unmöglich macht, das Elternhaus, denn "keiner von uns dreien setzte noch nennenswerte Hoffnungen in die beiden anderen." Nach einem durch Gelegenheitsjobs finanzierten Studium steigt sie ins Berufsleben ein, arbeitet in einer Universitätsbibliothek und lernt den Musiklehrer Jakob kennen, ihren introvertierten, indifferenten Lebensgefährten.
Möglicherweise ist es diese Unbestimmtheit, die sie Zuflucht in einer erotischen Beziehung mit der Migrationsforscherin Beate suchen lässt. Ein zusätzliches Konfliktfeld, das Seidenauer allerdings gekonnt in eine größere Zerklüftung, eben die von Alzheimer und Abneigung geprägte Mutter-Tochter-Beziehung, einbettet. Das Gefühl der Einsamkeit teilen sie mitunter, ist doch das Alleinsein "eine steile Rutsche, auf der man sich mühsam im Gleichgewicht hält."

In Österreich leiden derzeit etwa 100.000 Menschen an einer Demenz, bis 2050 rechnet man mit einer knappen Verdoppelung dieser Zahl. Zwei Drittel dieser Menschen erkranken am neurodegenerativen Alzheimertyp, als dessen Auslöser Genmutationen gelten. Ein fehlerhaftes Eiweißmolekül setzt jenen Zerstörungsprozess in Gang, der mit kognitivem Leistungsabfall, Verhaltensauffälligkeiten und neuropsychologischen Symptomen einhergeht.
Marianne, deren Mutter auch an (damals noch so genannter) Verkalkung litt, fühlt "weiße Flecken im Kopf" und protokolliert deshalb auf kleinen Zetteln, was sie sieht und mit wem sie – selten genug – spricht ("Heute, ein guter Tag" oder: "Niemand kommt."). Hermann brachte ihr dies noch bei, ehe er von der Hausstiege stürzte – oder gestürzt wurde. Seidenauer vermeidet es trotz Friederikes Mordverdacht, einen Krimi daraus zu spinnen, wie es Martin Suter in seinem Roman "Small World" noch tat, der Altersdemenz eher plakativ aufbereitete. In kurzen, dann wieder kaskadenartigen Sätzen lässt sie Marianne rapide hilfloser und verbitterter werden und ihre löchrige Gegenwart mit Vergangenheit auffüllen, während Friederikes Satzellipsen sich um Schuld drehen. Denn Marianne landet im Heim. Sie, die in ihrer unbestimmten Sehnsucht "es nie verstanden hatte, den Tag zu nützen", versinkt nun vollends.

Gudrun Seidenauer hat einen psychologisch einfühlsamen und stilistisch hervorragenden Roman über Erinnerungs- und Vergessensleistungen geschrieben, der besser als bisher Gelesenes die Macht der Zeit und die Wunden, die sie schlägt, analysiert.
Auch zeigt sie eindringlich, dass es an uns allen gelegen ist, Alzheimer als Krankheit und nicht als Stigma aufzufassen – und Alterswürde nicht mit hübschen Landschaftsgemälden in Mehrbettzimmern und Pflegegeldknauserei herstellen zu wollen – denn wenn Patienten selbst auf die Nahrungszufuhr vergessen, ist die Gabe von Wärme umso notwendiger.

 

Roland Steiner
15. April 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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