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Leseprobe: Michael Stavaric - "Magma."

Die Nachwelt hatte so manche Erbschaft anzutreten, dies und das wechselte den Besitzer und einige zogen sogar vor Gericht, um zu ihrem Recht zu kommen. Zwei Testamentseröffnungen endeten im Leichenschauhaus, und die Zeitungen schrieben, dass offenbar ein Fluch auf den Familien lasten müsse, das ererbte Vermögen sei jedenfalls für alle Zeiten kontaminiert. Selbstverständlich gebrauchten die Zeitungsmacher damals noch ein anderes Vokabular, die Atombombe war weder erfunden noch geworfen, vieles steckte noch in den Kinderschuhen.

Die Menschen hatten ganz andere Sorgen: die Säuglingssterblichkeit, Hygiene und Seuchengefahr, überhaupt fürchtete man Mangelerscheinungen aller Art, an Krebs starben die wenigsten. Keiner machte sich ernsthaft Gedanken über Zellerkrankungen oder Viren, man fürchtete sich vor Tollwut oder dem Mutterkorn. Später wurden die Menschen gerne vergast, und ein paar Jahre lang war es sogar die häufigste aller Todesursachen, es spielte auch keine Rolle, wie alt oder krank eine Person war. Und noch später starb man dann an Napalm, Splitterbomben, Genickschüssen, Panzergranaten, Lenkfeuerwaffen und anderen Krankheiten.

Als die Titanic sank, entdeckten Naturkundler den Riesenwaran, den letzten noch lebenden Drachen. Auf der unscheinbaren Sundainsel Komodo lebte ein Untier, dessen Biss tödlich war, ein Wesen frei von Furcht und fern aller Zweifel. Noch im selben Jahr übernahm Lenin, der Rote, die Leitung der Prawda, die Wahrheit für die Massen und nichts als die Wahrheit. Ich meine, die Geschichte gab später allen recht. Einstein begründete die Photochemie, die Futuristen zogen Paris in ihren Bann und formulierten eine herrliche Vision der Zukunft, die der Jugend, der Geschwindigkeit und dem Krieg gehört, doch am liebsten war mir Nofretete, die Büste der ägyptischen Königin tauchte unverhofft in einem Sandmeer auf. Die Schöne war endlich wieder unter uns, mit dem Blick einer Toten, die alles wusste und kannte, während die Titanic vorerst verschwunden blieb. Ludwig Borchardt erlag ihrer Schönheit, sein ganzes Leben sollte er keine andere Frau mehr eines Blickes würdigen, Kriege hätte er geführt, um einmal nur in ihren Armen zu liegen.
(S. 48-50)

© 2008 Residenz Verlag, St. Pölten - Salzburg.

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