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Michael Amon: Sonnenfinster.

Sonnenfinster.
Roman.
Wien: Molden Verlag, 2006.
230 S.; geb.; Eur 19,90.
ISBN 3-85485-183-9.

Link zur Leseprobe

99 Jahre und kein bisschen weise...

Karl Kühn liegt auf dem Sterbebett und wartet. Doch ist es nicht der Tod, auf den der 99-Jährige wartet, auch wenn beim Warten sein Leben an ihm vorüberzieht. Er, der sich vorgenommen hat, 100 Jahre alt zu werden - und was ein Karl Kühn will, das bekommt er auch -, wartet auf ein anderes Naturereignis: die Sonnenfinsternis vom August 1999.

Kühn ist ein Mann ohne Gefühl: kalt, herzlos, brutal - was immer die Situation erfordert. Für ihn gab es seit seiner Kindheit nur ein Ziel: den Aufstieg in die erste Klasse Fensterplatz. Mit Emotion und Leidenschaft verbunden ist für ihn nur eine einzige Sache, nämlich die so selten zu sehende Verdunkelung der Sonne. Vor dem Hintergrund, dass eine Sonnenfinsternis in Wahrheit eine Erdfinsternis ist, denn es ist die Erde, die im Schatten des Mondes liegt, die Sonne aber scheint immer weiter, vor diesem Hintergrund kann Kühns Leidenschaft, aber auch der Roman an sich als Metapher betrachtet werden.

Es sind Menschen wie Karl Kühn, die in Finsternis leben und, viel schlimmer, anderen Finsternis bringen. Kühn ist die Personifizierung der bösen Seite des Kapitalismus. Nur merkantil denkend und fühlend, Gefühle selbst als jämmerlich abtuend, betrachtet er Menschen lediglich als Material, als Mittel zum Zweck. Menschen wie er haben ein Gespür für die Zeitläufte, ordnen sich rechtzeitig auf der Zielspur ein, profitieren ohne Federn zu lassen. Dieser Hintergrund macht Kühn auch zum Kumpan der Nationalsozialisten, die er im Grunde für dumm und primitiv hält, aber sie sind ihm nützlich, und nur das zählt.

Kühn ist der Gott in seiner Welt, autoritär richtet, gibt und nimmt er. Vor allem Letzteres. Und dieses gottgleiche Erleben ist es auch, was ihn an der Finsternis der Sonne bzw. der Erde reizt. Im Moment der Verdunkelung existiert nichts und niemand um ihn herum, er verspürt eine sekundenlange Stille, in der er wähnt, ganz alleine auf diesem Planeten zu sein.

So ist es fast eine Ironie, dass dieser Mann nun den Bildern seines Lebens ausgeliefert ist. Er, der gewöhnt ist, alles unter Kontrolle zu haben, kann seine Erinnerungen nicht kontrollieren, sie kommen und gehen, entziehen sich seinem Willen. Und das ist gut so. Wenigstens einmal ist dieser Kühn, der nicht nur seine nächsten Angehörigen schikanierte, degradierte und missbrauchte, sich selbst ausgeliefert, wie auch diese Menschen ihm ausgeliefert waren. Nur selten, meist erfolglos, gibt es zaghafte Versuche, ihm Widerstand entgegenzubringen. Die Widerstände sind gekennzeichnet von Rückzug: seine Frau zieht sich in ihr Zimmer zurück und setzt ihrem Leben ein Ende, nachdem sie erfährt, dass Kühn die vermeintliche Adoptivtochter bei einer Vergewaltigung im Lebensbornheim gezeugt hat. Die Tochter Elisabeth sieht den einzigen Ausweg im Schweigen. Désirée, die Enkelin, lernt schnell: Einmal eine Kühn, immer eine Kühn. Sie weiß, sie entkommt ihm nur teilweise. Und tatsächlich sind auch alle anwesend an diesem Augusttag, an dem die Sonnenfinsternis stattfindet. Sie sind da und hoffen, dass die Finsternis den alten Kühn nicht mehr loslässt, sie wenigstens befreit sein werden von den Spielchen, die er mit ihnen bis zum Schluss treibt.

"Sonnenfinster" ist ein Roman, der sich mit dem Thema Macht, mit dem Kapitalismus alter und neuer Form beschäftigt und zeigt, dass die alten NS-Netzwerke während der Aufbaujahre gut funktioniert haben und dass es immer noch blinde Flecken bei der Rückschau gibt. Allerdings zeigt Michael Amons Geschichte keine Lösung auf, im Gegenteil. Wir werden am Ende entlassen mit der traurigen, vermutlich aber wahren Aussicht, dass eine Kühn'sche Welt nie gänzlich vergehen wird, sie immer wieder irgendwo auf der Welt neu aufersteht, es keine wirkliche Flucht gibt.
In diesem Sinn ist Amons Geschichte deprimierend, sie regt nicht dazu an, sich kritisch mit der Situation auseinanderzusetzen, weil die Aussage lautet: Es ist nicht zu ändern. Auch das kann als ein Rückzug interpretiert werden.

 

Eva Magin-Pelich
19. Juni 2007

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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