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Dietlind Antretter: Immer wie immer.

Liebesgeschichten.
Innsbruck, Wien: Haymon 2005.
192 S.; geb.; Eur[A] 17,90.
ISBN 3-85218-470-3.

Link zur Leseprobe

Irina betrügt ihren Freund Pierre mit dem seit fünf Jahren verheirateten Marcel. Christelle, Alkoholikerin, kann Pierre nicht vergessen. Jeremy, verheiratet, hat Sex mit der drogensüchtigen und an Bulimie leidenden Beatrice, die eigentlich auch schon vergeben ist. Ort: ein Hotel. Klischeehaft, aber gut komponiert, spielen Theaterleute ihr privates Theater. In dieser ersten der acht hier versammelten Erzählungen, betitelt mit "Es scheint so", wird man hineingeworfen in die Highsociety-Szene des "großen" Theaters, dessen Akteure, mit Vorliebe des Nachts, in schriller, egozentrischer, emotionshungriger, weltfremder und einsamer Pose nach Körperwärme oder Alkohol gieren und den einzigen probefreien Tag in der Farbenwelt des Draußen nicht leben können.

Antretters Sprache zieht immer wieder in Bann, sie erzeugt Spannung und kann Befindlichkeiten ohne viele Worte nachzeichnen, ab und zu aber verfällt sie doch dem Kitsch. Es ist kein Zufall, dass die Autorin nicht über SchauspielerInnen schreibt, die nach der Probe zu ihrem Zweitjob rennen und ständig unausgeschlafen sind, weil sie morgens ihr Kind in den Kindergarten bringen müssen. Die Welt des etablierten Theaters ist Antretter besser vertraut, arbeitete sie doch in Europa, den USA und in Japan für Luc Bondy als Regieassistentin, Co-Regisseurin, Dramaturgin und Produktionsleiterin. Seit 1997 lebt sie als freie Journalistin und Autorin mit ihrer Familie in Südkalifornien und Südfrankreich, wo auch einige der Erzählungen spielen.

In der Erzählung "Was ist das für eine Liebe" sind die ProtagonistInnen ebenfalls vertrauens- und vertrautheitsarm, das gemeinsame Essen einer zusammengewürfelten Gruppe wird zum Trauerspiel, Geschichten über Beziehungskrisen und Todesfälle lassen keine Leichtigkeit aufkommen, lediglich die Unterhaltung über die anwesende, trächtige Schäferhündin Dascha lenkt ab und lässt an Wärme glauben. Auch die Irin, die in der Erzählung "Alles ist immer wie immer" Paul und Clarice in ein mysteriöses, esoterisches Gespräch verwickelt, sagt: "Kinder und Tiere sind die Einzigen, denen ich vertraue." Und ein alter Mann in "Gleichzeitig, in den Kammern des Herzens", der einzigen Geschichte übrigens, in welcher eine Frau zwischen zwei Männern steht anstatt umgekehrt, behauptet: "ein Hund enttäuscht sie nie". In "Vorzeitig abgebrochen" verbringt Esther ihren letzten Abend mit Sven am kalifornischen Strand, bevor sie wieder zurück zur Arbeit muss: "strahlend, ausgeruht, erfolgreich, gut verdienend, unabhängig, allein". Während die beiden mit Unbekannten am Strand feiern, sich Liebesgeschichten erzählen lassen und Tanzspuren im Sand produzieren, die am nächsten Tag nicht mehr zu sehen sein werden, tickt in Esther eine weibliche Uhr, die sie vor die Entscheidung stellt: "leidenschaftlich, unbeugsam und frei zu leben" oder sich Schwerwiegenderem, Unbekanntem und Forderndem zu stellen. Ein Kind. Familie.

"Vorzeitig abgebrochen" ist somit eine Zäsur wie auch eine Verbindungslinie zu den beiden Erzählungen, die daraufhin folgen, denn gerade um diese Entscheidung, diese Dualität kreist das gesamte Buch: Gebundensein oder Freiheit, Familie oder Einsamkeit. Tertium non datur. Ein Glück, dass reale Beziehungen doch oft schattierungsreicher und farbenprächtiger sind. Denn glücklich scheint in dem Buch niemand zu sein, auch dort nicht, wo die weiblichen Heldinnen nicht Liebhaberinnen, sondern Ehefrauen und Mütter sind, wie in "Happy hour": Gut situiert, in einem Büro arbeitend, kinderlos und vermeintlich glücklich, bemerkt Anja die Routine in ihrer Beziehung zu ihrem Mann Dave, auf den sie täglich mit gekochtem Essen wartet, mit ihm isst und dann allein gelassen wird, weil er jeden Abend in ein Zimmer verschwindet, um an der Tastatur zu klappern. In Warteposition verharrend, wird ihr gewohnheitslastiger Tagesablauf dadurch unterbrochen, dass ein Officer vor der Tür steht und behauptet, aufgrund ihres Anrufes angerückt zu sein, um sie vor ihrem Mann zu retten. "Du brauchst auch jemanden, der dich rettet", sagt sie später zum Mond, denn "[a]lle sind wir dorthin gelangt, an dieses gleichgültige, kalte Ende der Dinge". Kälte und Verlorensein also auch dort, im freiheitsberaubten Familienglück. Während der Mann ein Doppelspiel spielt, ist hier die Frau, selbstentfremdet, in ihr "eigenes, dummes Unglück eingesperrt, und verstummt, verunsichert, gelähmt". Ob nun Dave mit seiner Sekretärin etwas hat oder ob er nicht hat, bleibt offen. Offen bleibt ebenfalls die Antwort auf die Frage, weshalb Daniel, der Nachbarssohn, einen Kojoten in ihrem Garten erschoss. Man kann es sich denken.

Alma in "Ja, Max", die mit dem Filmregisseur Max verheiratete Hausfrau und Mutter zweier Kinder, muss erfahren, dass ihr Mann sie betrügt - und versteht die Welt nicht mehr. Für ihn hat sie auf die Arbeit als Schauspielerin verzichtet, wegen ihm sitzt sie einsam in ihr fremden Wohnungen, die permanent wechseln. Als das Telefon klingelt, klopft ihr Herz schneller, "so wie damals, wie am Beginn der Geschichten, wenn alles sich nur um die Liebe drehte und noch nicht ums Leben und Überleben, das kam erst später, wenn man Glück hatte, erst lange danach."

Völlige Freiheit, Misstrauen und Alleinsein im Zuzweitsein einerseits versus völlige Abhängigkeit und hilflose Selbstaufgabe? Liebloses Fremdgehen versus "liebende" Enthaltsamkeit? Erfreulicherweise verhält es sich im Leben - wenn man sich nur genug anstrengt - doch etwas komplexer. Die Liebe ist nämlich nur fernab aller Dualitäten zu finden: tertium datur!

 

Claudia Peer
30. Juni 2005

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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