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Magdalena Agdestein: Nachlass.

Nachlass.
Roman.
Klagenfurt: Drava, 2004.
144 S.; geb.; Eur[A] 19,50.
ISBN 3-85435-419-3.

Link zur Leseprobe

"Nachlass" ist der Generation der Nachgeborenen gewidmet, jenen, "die sich vor dem ausgeschlagenen Erbe der Geschichte in Sicherheit wähnen." Magdalena Agdestein verflicht in ihrem Roman über eine Nachkriegskindheit Autobiographisches mit Fiktivem, sie entwirft Bilder über ein Mauthausen, in dem das Massenverichtungslager der NS-Zeit im Alltagsleben höchstens als Touristenattraktion zur Kenntnis genommen wird. Ehemalige Nazis und Nazi-Gegner leben in ihrem kleinbürgerlichen Alltag "miteinander" oder nebeneinander her, in mühsam aufrecht erhaltener Harmonie.

Auf den ersten Blick scheint es die Geschichte einer Frau zu sein, die nach dem richtigen Weg in ihrem Leben sucht. Erst bei intensiverem Lesen erschließt sich die Geschichte einer Nachgeborenen, deren Leben von den Verbrechen der NS-Zeit beeinflußt ist.

Die Protagonistin Johanna ist in Mauthausen geboren und aufgewachsen, wie die Autorin auch. Mauthausen, ein malerisch-kleiner Markt an der Donau, der sich nach außen hin durch nichts von anderen Orten Österreichs unterscheidet. Johannas (Nachkriegs-)Kindheit ist überschattet vom Schweigen, vom Verschweigen der Vergangenheit.

Die Last ihres Geburtsortes begleitet Johanna in ihre neue Heimat Norwegen, wo sie die Reaktionen darauf, in Mauthausen geboren worden zu sein, überdeutlich zu spüren bekommt. Immer wieder bricht in ihre norwegische Idylle das blutige Wahrzeichen des Geburtsortes ein: Mauthausen. Ein Mauthausen, das Geschichte gemacht hat. Als Symbol der faschistischen Massenvernichtung, als Mahnmal für hunderttausende zu Tode gequälter, ermordeter Menschen. Denkt Johanna an ihren Geburtsort, tauchen Bilder auf, der steile Weg, den Berg hinauf, bis auf die Knochen abgemagerte Menschen, die sich kaum aufrecht halten können, die wie Tiere hinaufgetrieben werden, wer hinfällt, wird umgebracht ...

Mithilfe einer Therapeutin rollt Johanna ihre Kindheit wieder auf, holt Erinnerungen hervor, beginnt Zusammenhänge zu sehen. Begreift und verschließt dennoch die Augen vor der Wahrheit, wenn es ihre Familie betrifft. Glaubt, was die Mutter erzählt hat: Der Vater hat als Soldat nie einen Menschen töten müssen. Die Lüge als Lossprechung aller Vergehen und Verbrechen. Johanna hat auch nie nach dem Leben des Großvaters gefragt, der ein "rechtschaffener und ehrenwerter Mensch" - und Aufseher im Mauthausener Steinbruch gewesen ist. "Die Todesstiege ist sehr steil, und ganz unten im Steinbruch sind Teiche, tiefe, schwarze Teiche. Die Toten brauchte man nur hinab ins Wasser zu stoßen ..."

Es ist, als würde gerade dieses Versäumnis Johanna einholen, als müßte sie für die Vergehen eines Großvaters sühnen, den sie nie kennengelernt hat:

Als die Erinnerung über Johanna hereinbricht, mit einer Gewalt, die sie daran hindert, einen Alltag zu leben, als die schrecklichen Träume kommen, beginnt sie eines Nachts Steine zu sammeln. In ihren Träumen ist sie Margarete, die mit zerschundenen Füßen und Knien, mit blutenden Händen Steine sammelt und sortiert. "... sie will, daß ich ihr helfe ... Stein für Stein, Stunde um Stunde." Und Johanna fährt ans Meer, hilft Margarete Steine zu sammeln, bis auch ihre Füße, ihre Knie zerschunden sind, und ihre Hände bluten ...

Traude Korosa
6. April 2004

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