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Klaus Amann: Robert Musil – Literatur und Politik.

Mit einer Neuedition ausgewählter politischer Schriften aus dem Nachlass.
Reinbek: Rowohlt 2007.
Rowohlts Enzyklopädie. 55685.
317 S.; brosch.; EUR 12,90.
ISBN 978-3-499-55685-2.

Dass der Autor Robert Musil ein unpolitischer Autor gewesen sei, dieses folgenschwere, sich vorschnell auf Musil selbst beziehende, die Musil-Forschung anhaltend prägende und weit darüber hinaus wirksame Missverständnis ist nach der von Klaus Amann vorgelegten Studie zum Verhältnis von Literatur und Politik bei Robert Musil ad acta zu legen. Im alles andere als spektakulären Grundton philologischer Sachlichkeit (er klingt übrigens bis in die – Reflexion und Originaltext in verwandte Nähe rückende – Anlage des Buchs nach), formuliert der Autor auf S. 96:

Musil setzt im Grunde 'unpolitisch' mit 'autonom' und 'unabhängig' gleich. 'Unpolitisch' heißt unabhängig von den pragmatischen Zwängen, Ansprüchen und Verpflichtungen der Politik als gesellschaftlicher Institution. Für diese Unabhängigkeit, für diese Autonomie der Literatur, die in der Unabhängigkeit des Einzelnen begründet und garantiert sein muss, kämpfte Musil. Zwar sei eine "gegenstandsmäßige Trennung der Bereiche von Literatur und Politik kaum noch durchzuführen", beide sind, anders formuliert, mit ähnlichen Fragen und Problemen beschäftigt, doch gerade deshalb müsse die "Verschiedenheit der Funktion" von Literatur und Politik umso deutlicher gemacht werden. Es sei nämlich "für die Politik sehr wichtig", dieses 'unpolitische' "Fühlen und Denken sich als ihr Reservoir zu erhalten". [Mit doppelten Anführungszeichen ausgewiesene Originalzitate sind aus 'Der Dichter in dieser Zeit'. Vortrag zur Feier des zwanzigjährigen Bestehens des 'Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller in Österreich' am 16. Dezember 1934 (S. 238ff.)].

Amanns schlicht im Paperback auftretende Studie nimmt ihren Beginn bei jener entscheidenden Korrektur, die Musils politisches Denken zwischen den Kriegen vollzieht. Was Musil "rund um die Mobilisierung vom August 1914 noch als ein 'seltsames, dem religiösen verwandtes Erlebnis' betont: die Lust am Aufgehen in der Masse, ja an der körperlichen Auflösung im Heldentod für die Nation", rückt im Angesicht des darauf folgenden zweiten Krieges in den autobiographischen Aufzeichnungen der "Arbeitshefte" des Schweizer Exils "in die Dimension einer kollektiven Psychose" (S. 7). Es ist Musils intellektueller Weg zwischen diesen beiden Positionen, dem Amanns grundlegendes Interesse gilt: da ist zuerst Musils Befund, dass mit dem als "Vakuum" fühlbar werdenden Kriegsende die für diesen Krieg ausschlaggebenden Ursachen, Faktoren und Ideen keineswegs zu ihrem Ende gekommen wären; Da ist die zeitgeschichtliche Zuspitzung, die dieser Befund vor dem Hintergrund des sich anbahnenden, des Autors eigene Lebensumstände drastisch bedrohenden und auch die Rede über Literatur bestimmenden Zweiten Weltkriegs erfährt; und da ist, untrennbar mit beidem verbunden, der Prozess einer zunehmend ideologiekritischen Politisierung, die an keiner Stelle, selbst in den größten Schwierigkeiten nicht, hinter das genuine Reflexionspotential der literarischen Arbeit zurückzugehen bereit ist. Letztere Auffassung – um es allgemeiner zu fassen –, dass nämlich dem Dichter zu geben sei, was des Dichters ist (und dies gerade auch dann, wenn es scheinbar gar nicht um Dichtung geht), genau diese Überzeugung hat Musils politische Analyse zwar zu einer der hellsichtigsten und aufschlussreichsten ihrer Zeit gemacht, sie hat ihrem Autor aber auch Unverständnis in hohem Masse, Gegnerschaft und Feindschaft eingebracht.

Was Amann im Radius der von Musil geprägten Formulierung einer "Kulturpolitikskultur" unter den Leitbegriffen von "Staat", "Nation", "Kollektiv", "Individuum" und "Affekt" vorlegt, ist nichts weniger als die paradigmatische Geschichte eines deutschsprachigen Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts; wobei mit paradigmatisch gemeint ist, dass die Darstellung dieser intellektuellen Biografie weitab liegt von entsprechend harmonisierten, wie auch immer zum Glücken gebrachten Denkgeschichten vergleichbarer Autoren. Musil – so wird man sagen dürfen – ist kein Mann ohne Schwierigkeiten. Das erweist die Studie in der exakten Würdigung jener Differenzen, die sich zwischen den verschiedenen Äußerungsinstanzen des Autors auftun: sie werden nicht geglättet, sondern als produktive, die politische Urteilsfähigkeit Musils entscheidend begründende kenntlich gemacht: von den Essays ("Die Nation als Ideal und als Wirklichkeit" [1921], "Das hilflose Europa oder Reise vom Hundertsten ins Tausendste [1922], "Der deutsche Mensch als Symptom" [1923] und den Fragment gebliebenen "Bedenken eines Langsamen" [1933]) über die Aphorismen, die privaten, erst aus dem Nachlass bekannt gewordenen "Arbeitshefte" bis hin zu der Zensur unterworfenen Briefen und den beiden Reden Musils in Wien und Paris (erstere 1934 gehalten anlässlich der Feier des zwanzigjährigen Bestehens des "Schutzverbandes deutscher Schriftsteller in Österreich", die zweite im Juni 1935 auf dem "Internationalen Schriftstellerkongresses zur Verteidigung der Kultur" in Paris). Amann macht diese verschiedenen Äußerungsformate nicht nur lesbar als Zeugnisse eines Denkens, das bemüht ist, "in der Darstellung persönliche, historische und systematische Aspekte schlüssig zu verbinden" (S. 50), sondern auch und in erster Linie als autobiographische Zeugnisse, die das Individuum als politische "Quelle der Kultur" setzen.

Dass sich die Studie als der detailliert instrumentierte Erweis lesen lässt, dass die Fragmentarität des "Mann ohne Eigenschaften" nicht in etwaigen Aporien des Musilschen Schreibens gründet, sondern komplexer Ausdruck einer sich an der geschichtlichen Situation abarbeitenden Schreib- und Denkarbeit ist, ist nur ein Verdienst ihres Autors: es ist die Zeitgeschichte, die den Roman permanent in genau jenem Moment in Frage stellt, in dem die Romanform verspricht, sich die Geschichte durchsichtig machen zu können. Ein zweites lässt sich darin sehen, dass diese Studie für das, was sich aktuell an "Kulturwissenschaft" in Szene setzt, ein so sachliches wie leuchtendes Gegenstück abgibt: sie zeigt, dass kulturwissenschaftliches Denken ohne eine philologisch exakte Literatursoziologie ein leeres, alle historischen Schärfen und Brüche unverantwortlich ausblendendes Phantasma bleibt. Und schließlich sei nicht vergessen, dass sich diese Analyse des Verhältnisses von Politik und Literatur bis in die kleinsten Satzteile hinein auf die Strategien und Begründungsschemata heutiger Kulturpolitik beziehen lässt, gemäss einer Musilschen Überzeugung, die auch dem Autor der Studie nicht fern zu stehen scheint, der Überzeugung nämlich, dass die Kunst "das Noch-nicht-zu-Ende-Gekommene des Menschen, den Anreiz seiner Entwicklung am Brennen" (S. 251) erhält.

 

Arno Dusini
2. April 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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