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Thomas Anz, Rainer Baasner (Hrsg.): Literaturkritik.

Geschichte - Theorie - Praxis.
München: Beck, 2004.
(Beck'sche Reihe. 1588).
272 S.; brosch.; Euro 12,90.
ISBN 3-406-51095-7.

Es ist nicht leicht, ein Buch zu rezensieren, in dem man alles über Rezensionen erfährt. Und wenn hier von "alles" die Rede ist, so kann man dies buchstäblich und im besten Sinne des Wortes nehmen: Bündig, detailreich, in klarer und verständlicher Sprache (angenehm: keine Fußnoten) sowie vollständig erfahren LeserInnen hier wirklich alles, was man über das Thema "Literaturkritik" nur wissen kann. Das beginnt mit Vorformen der Kritik in der Antike, arbeitet sich in mehreren Kapiteln durch die Jahrhunderte herauf bis in die Gegenwart (man erfährt sogar noch, was 2004 im Feuilleton passiert ist) und schließt mit zwei Beiträgen zur "Theorie und Praxis der Literaturkritik heute", die man m.E. allerdings, weil dort nämlich grundlegende Begriffe geklärt werden, vor den historischen Teil hätte setzen sollen. Ein sehr ausführliches Literaturverzeichnis und ein Personenregister schließen den Band; sehr angenehm sind auch die weiterführenden Literaturtips am Ende der jeweiligen Beiträge. Daß insgesamt 'nur' fünf AutorInnen für die 15 Beiträge verantwortlich zeichnen (neben den beiden Herausgebern noch Ralf Georg Bogner, Maria Zens und Oliver Pfohlmann), dürfte wohl die Erklärung für die Geschlossenheit und die Abgerundetheit des ganzen Bandes sein: Die AutorInnen haben es durchwegs trefflich verstanden, stilistisch sicher und präzise einen durchgehenden Bogen über den großen Zeitraum, der zur Diskussion steht, zu ziehen. So erfährt man etwa, daß das Besprechen von Büchern zwar eine lange Tradition hat, daß aber ausdrückliches Lob erst in der Romantik üblich wurde (S. 24) und das Entscheidende dabei: Man versteht auch warum. Ebenso wird den LeserInnen das Auseinanderdriften von populärer (Massen-)Kultur und elitebewußter Buch- und Lesekultur - ein langsamer und heterogener Prozeß - verständlich gemacht. Auch die dunkleren Seiten der deutschen Literaturkritik - etwa die völkische Literaturkritik und die der Heimatkunstbewegung am Ende des 19. Jahrhunderts (S. 108ff.) oder jene des NS-Regimes (S.130ff.) - werden nicht ausgespart. Etwas sticht einem allerdings sofort ins Auge: Das Buch beschränkt sich auf den deutschsprachigen Raum (und dabei wiederum auf Deutschland), was nicht weiter schlimm ist - aber im Titel des Buches hätte man es doch kenntlich machen sollen. An einigen Stellen mag der Band etwas zu voraussetzungsreich verfaßt sein: So hätte man doch einen Begriff wie "opitzsche Reform" (S. 15) kurz erläutern sollen, und nicht allen Studierenden der Literaturwissenschaft sowie LeserInnen und VerfasserInnen von Literaturkritiken ganz allgemein, an die sich das Buch ausdrücklich richtet (S. 11), dürften die Sprachgesellschaften des Barock (S. 15), die Poetik Nicolas Boileaus (S. 17) oder die Gründe für das Verbot des Jungen Deutschland (S. 68) bekannt sein. Allerdings sind es nur wenige Stellen, die solcher Erläuterungen bedürften. Insgesamt bekommt man nicht nur einen guten Überblick über die Entwicklung, sondern auch noch einiges an Informationen aus dem Kontext von Literatur und Literaturkritik, wodurch auch die vielen Umbrüche in der literarischen Landschaft Deutschlands - etwa jene von 1848, 1933, 1945 oder 1968 - klar verständlich werden. (Wobei man als Leserin in Grundzügen mit den Eigenheiten der Literatur und der sozialpolitischen Gegebenheiten der jeweiligen Epochen zumindest in Ansätzen vertraut sein sollte.) Wer Marcel Reich-Ranicki bislang für den ungerechtesten und polemischsten Kritiker hielt, wird bei der Lektüre - an einigen Stellen muß man unwillkürlich schmunzeln - eines besseren belehrt: So setzte etwa Goethe "mit den gehässigsten Kurzrezensionen, die eine Redaktion je hat durchgehen lassen [...] unübersehbare und unvergeßliche Akzente" (S. 42). Zur Verdeutlichung soll eine Besprechung von Goethe aus dem Jahre 1772 ungekürzt [!] wiedergegeben werden: "Schulübungen, und zwar von der [sic] elendsten! Virgil und Horaz werden in die schwerfälligste Prosa zerstückt, und auf dem Sylbenmaaß von Ramler und Zachariä die deutlichsten Worte hergezählt. Ich möchte nicht der Herr Senator Lochner in Görlitz seyn, dem das Ding zugeschrieben wird." (S. 39) Diese Wendung zur Polemik im 18. Jahrhundert geht jedoch schon auf Lessing zurück, der die Grenzen des guten Geschmacks weit überschreitet, wenn er in einem Nachruf über La Mettrie schreibt: "Ohne Zweifel vermuten sie eine kleine witzige Torheit, die er schon wieder begangen hat. Es ist so was; ja. [...] Er ist gestorben." (S. 35) Die Kritiker des 19. Jahrhunderts, vor allem jene des Vormärz und der Jungdeutschen, standen Goethe und Lessing um nichts nach, aber auch Eckhard Henscheid vergreift sich am Ende des 20. Jahrhunderts entschieden im Ton, wenn er Heinrich Böll 1992 als "steindummer, kenntnisloser und talentfreier Autor", als "harmloser Knallkopf" und als "verlogen" und "korrupt" oder dessen Werke als "häufig widerwärtige[r] Dreck" verunglimpft (S 225). Daß eine mancherorts erhobene Forderung auf Verzicht (allzu) negativer Bewertungen allerdings bedenklich ist, demonstriert Anz mit dem Verweis auf die nationalsozialistische Kulturpolitik, welche 1936 Kunstkritik mit dem Vorwand verbot, "das schöpferische Genie vor den Zersetzungen der Kritik zu schützen" (S. 229). Im Detail: Der Band thematisiert im ersten Teil "Die Entstehung der Literaturkritik und ihre Entwicklung bis zum 19. Jahrhundert" zwar auch Vorformen der literaturkritischen Wertung seit der Antike, zum Problem wurde dieses Thema jedoch erst im 18. Jahrhundert, "als die Mustergültigkeit aller bislang fraglos akzeptierten Autoritäten grundsätzlich angezweifelt wurde" (S. 214). Konsequenterweise liegt das Hauptaugenmerk auch auf der Literaturkritik seit der Aufklärung (S. 27ff.). Auf den Beitrag über die Zeit der Aufklärung folgen solche über die "Literaturkritik im Sturm und Drang", "in der Zeit der Klassik", "in der Zeit der Romantik", "in der Zeit des Jungen Deutschland, des Biedermeier und des Vormärz" sowie "in der Zeit des Realismus". Der zweite Teil des Buches "Literaturkritik von der Moderne bis zur Gegenwart" resümiert die "Literaturkritik in der literarischen Moderne", "in der Weimarer Republik" (wo im "Berliner Zeitungsdschungel" (S. 125) eine ganze Schar an Kritikern mit viel Einfluß auf die Literatur- und Theaterszene tätig war), "unter dem NS-Regime und im Exil", "in der DDR" (es "dürfte schwerlich eine Zeit zu finden sein, in der Literatur und ihre Kritik soviel Beachtung finden wie in den 40 Jahren des SED-Staates", S. 144) und "in der Bundesrepublik" (hier übernimmt "Literaturpapst" Marcel Reich-Ranicki (S. 180) klarerweise die Hauptrolle). Im dritten Teil "Theorie und Praxis der Literaturkritik heute" erläutert Thomas Anz in seinen beiden Beiträgen in ausgezeichneter Art und Weise die grundlegenden Begriffe und Elemente des Literatursystems allgemein und der Literaturkritik im speziellen sowie deren Verhältnis zur Literatur, zum Buchhandel und zur Literaturwissenschaft (S. 194ff.) und bietet darüberhinaus umfassende "Informationen und Anleitungen zur Praxis" (S, 220ff.), wenn man sich für den "(Neben-)Beruf" eines Literaturkritikers oder einer Literaturtkritikerin interessiert. Den Herausgebern und AutorInnen sei ein großes Lob ausgesprochen für dieses Buch: Es steht bereits auf der Liste jener Empfehlungen, die ich an die Studierenden in Einführungslehrveranstaltungen verteile.

Martin Sexl
22. Oktober 2004

Originalbeitrag

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