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Wolfgang Albrecht: Literaturkritik.

Stuttgart: Sammlung Metzler, 2001.
öS 188.-/EUR 12,90.
ISBN 3-476-10338-2.

Das Buch nimmt sich nicht wenig vor: einen historischen, gattungs- und forschungsgeschichtlichen sowie metakritischen Überblick über das, was man hierzulande unter der Institution Literaturkritik versteht. Insbesondere sieht sich das Projekt in scharfer Abgrenzung zum literary criticism oder auch der französischen critique littéraire, die die literaturwissenschaftliche Kritik mit einschließen. Lange läßt sich der hochgesteckte Versuch einer Trennschärfe allerdings nicht halten. Gerade im Hinblick auf den letzten Teil des Bandes und seinen Hauptzeugen Adorno sind solche unfruchtbaren Grenzziehungen Gott sei Dank aufgehoben.

Trotzdem, ein Lern- und Nachschlagebuch soll es sein, das sich als Einführung und Gesamtdarstellung versteht. Was bietet es?: im Schwerpunkt eine Funktionsbestimmung von 1945 bis heute, die die verschiedenen Medien und Präsentationsformen (Feuilleton, Rundfunk, Fernsehen), ihre Wirkung und Wirkungsmöglichkeiten beleuchtet und schließlich in einer Kritik der Literaturkritik mündet. Das Ganze wird supplementiert durch einen historischen Überblick (nicht ganz verständlich, wieso dieser ans Ende des Bandes gelangte und mit der 1. Hälfte des 20. Jhdts. abbricht), Grundlageninformationen und eine Auswahlbibliographie. Viel Stoff in diesem, wie gesagt, ambitionierten Unternehmen. Doch genau besehen bleibt es beim Zusammentragen von Zitaten, die wenig Struktur, argumentativ-didaktische Hinführung und nur selten eine eigene Positionierung erkennen lassen. Immer wieder schweift das Buch ins Unverbindliche ab ("eine menschheitliche Erfahrung besagt..."), wie es andererseits den Ton des Ressentiments ("linkssektiererisch") nicht vermeiden kann. Was gute Kritik und ebenso gelungenes wissenschaftliches Schreiben auszeichnet (man lese einmal Adornos Essay über den Essay), nämlich die Symbiose von bene und recte dicere, vermißt man schmerzlich. Bei Lessing und Adam Müller, bei Nietzsche, Kerr und Polgar, nicht zuletzt bei Reich-Ranicki oder Baumgart hätte sich da einiges lernen lassen.

Wer mag, kann die Bibliographie nutzen, doch auch sie ist lückenhaft (Koeppen, Enzensberger sucht man vergebens). Und mit Blick auf den Verlag sei angemerkt: gegen die meist ziemlich unverständlichen und das Auge beleidigenden fetten Hervorhebungen und die sinnlos-pflichtschuldige Neuschreibung ("die so genannten") hätte sich sicher etwas machen lassen.
Wer selbst dem Rezensionsgeschäft frönt oder auch nur zu denen gehört, die erwartungsvoll die Sonderbeilagen des Feuilletons nach animierenden (literatur-)kritischen Mitlesern durchforstet, wird kaum etwas vom leicht anrüchigen Charme dieses Genres, seinen literarischen Höhen und Tiefen, seiner Markt- und Medienabhängigkeit und den so lustvollen Spannungen zwischen Seriosität und Klatsch und Tratsch finden. Auf ein essayistisches Buch zur Literaturkritik muß man für diesmal noch warten.

 

Iris Denneler
30. Oktober 2001

Originalbeitrag

 

 

 

 

 

 

 

 

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