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Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Visuelle Poesie.

München: Edition Text Kritik, 1997.
(Sonderband).
225 S., brosch.; DM 46.-.
ISBN 3-88377-565-7.

Umberto Ecos Prägung des Begriffes vom "offenen Kunstwerk" als autonome, komplementäre Form der Welt steht in engem Zusammenhang mit dem Wesen der Visuellen Poesie. Im Gegensatz zur Konkreten Poesie, der nicht selten eine kopflastige, unsinnliche, hermetische Tendenz vorgeworfen wird, öffnet sich die Visuelle Poesie dem Diskurs zwischen den verschiedensten Kommunikations- und bildkünstlerischen Medien.
In dem vorliegenden Sonderband aus dem Münchner Verlag Text Kritik versuchen Künstler und/oder Theoretiker, dieser spezifischen Ausdrucksform und ihren Möglichkeiten am Ende eines Jahrtausends nachzuspüren. Dabei wird ihr außergewöhnlicher Facettenreichtum offensichtlich, nicht zuletzt aber auch die potentielle Gefahr von Sackgassen im Computerzeitalter.

Franz Mon, Geburtshelfer der österreichischen Avantgarde zu Beginn der fünfziger Jahre, Eugen Gomringer, einstmals Sekretär des Konstruktivisten Max Bill und Revolutionär auf dem Gebiet der Konkreten Poesie, Carlfriedrich Claus, Vertreter der DDR-Subkultur, sowie der Tiroler Heinz Gappmayr repräsentieren das breite Spektrum von Visueller Poesie. Ihre Stellungnahmen geben Aufschluß über die grenzüberschreitende Forderung nach einer Infragestellung herkömmlichen Sprachgebrauchs, die nicht zuletzt in der klassischen Moderne ihren Ursprung hat.

Franz Mon kritisiert mit seinen Arbeiten die bloße "Funktionalisierung der Schrift", Eugen Gomringer wiederum beschränkt sich hauptsächlich auf die Verwendung des Wortes; Carlfriedrich Claus lotet die Überschneidungen von Lautprozessen und sogenannten Sprachblättern aus und erweitert sie zu räumlichen Installationen. Heinz Gappmayr widmet sich der Verbildlichung/Veranschaulichung von Kategorialbegriffen wie Raum, Zeit, Licht etc. und eröffnet damit der philosophischen Dimension Visueller Poesie ungeahnte Möglichkeiten, die durch das Werk thematisiert werden, obwohl sie unsichtbar (innerhalb der Leerstellen) bleiben.

Der Geschichte von Visueller Poesie wird in den verschiedenen Beiträgen immer wieder gedacht. Vor allem mit der griechischen und lateinisch-römischen Antike nimmt die fließende Grenze zwischen Wort und Bild konkrete Formen an, so etwa in den Figurengedichten (Umriß-, Gittergedicht). Über die barocke Gebrauchslyrik ist die Entwicklungslinie bis ins 19. Jahrhundert verfolgbar, wo mit Stéphane Mallarmé, Lewis Carroll und Christian Morgenstern prominente, die klassische Moderne vorbereitende Vertreter von Visueller Poesie auf den Plan treten. Mit den "tavole parolibere" revolutionieren die italienischen Futuristen die Syntax in der Bildfläche: akustische Werte finden ihre Entsprechung in einer neuen Typografie (etwa in den sogenannten optophonetischen Gedichten des Berliner Dadaisten Raoul Hausmann). Von hier ist der Weg nicht mehr weit zu lettristischen Werken eines Isidore Isou und in der Folge zu den Multimedia-Texten des Computerzeitalters.

Auch wenn die gesellschaftspolitische Komponente der "historischen Avantgarde" (Peter Bürger) etwas ins Hintertreffen geraten ist, so demonstriert Jörg Kowalski an der Visuellen Poesie in der DDR den nach wie vor zündend-provokanten und subversiven Charakter dieser Kunstform innerhalb totalitärer Regime.

Eine Kategorie für sich bilden die Bildgedichte Friederike Mayröckers. Barbara Lersch-Schumacher führt in bestechender Weise die komplexe Struktur dieser "Neben"-Produkte des Schreibens vor. Ausgehend von den Begriffen Allegorie und Metonymie analysiert sie die Textualität Mayröckerscher "Kinder"-Zeichnungen und entwickelt daraus die Theorie einer "kleinen Schule des Sehens" (S. 149).

Der Chronologie der Dinge entsprechend widmen sich die letzten zwei Beiträge der elektronischen Gegenwart bzw. Zukunft. Die Möglichkeiten von Hypertext- und Cybertextstrukturen brechen - Beispiele veranschaulichen diesen Prozeß - die ohnehin schon befreite Fläche in den virtuellen Raum hin auf. Die Bewegung wird schier unkontrollierbar für den Rezipienten, der in ihr aufgeht und zugleich doch nicht. Während das Interaktivität fordernde Medium Bewegung suggeriert, bleibt das Subjekt in Wahrheit so statisch wie eh und je.

Alles in allem stellt der Sonderband "Visuelle Poesie" ein bemerkenswertes Kompendium an Varianten Visueller Poesie vor, das mit Sicherheit noch lange nicht abgeschlossen sein wird.

Claudia Holly
16. Jänner 1998

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