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Jan Erik Antonsen: Text-Inseln.

Studien zum Motto in der deutschen Literatur vom 17. bis 20. Jahrhundert.
Würzburg: Königshausen und Neumann, 1998.
(Epistemata. Reihe Literaturwissenschaft. 258).
225 S., brosch.; DM 58.-.
ISBN 3-8260-1471-5.

Vielleicht in Reaktion auf Streß und Überforderung durch das "Informationszeitalter" richtet sich der Blick aktuell gerne auf das Kleinteilige, den Splitter, den minimalistischen Text, der auch als eine Art Versprechen auf das Weltwissen in einem Satz gesehen werden kann. Das hat - so will es scheinen - auch dem literarischen Motto zu mehr Aufmerksamkeit und vor allem zu einer wunderbaren Vermehrung verholfen.
Daß einem Werk nur ein Motto vorangestellt wird, ist heute schon fast die Ausnahme, häufig sind es zwei, drei, vier oder mehr. Den mentalitätsgeschichtlichen Hintergründen sowohl dieser jüngsten Entwicklung als auch der historischen Karriere des literarischen Mottos oder der Affinität einzelner AutorInnen zu bestimmten Motto-Typen nachzuspüren, wäre ein lohnendes Thema, das in Jan Erik Antonsens Dissertation leider nicht in den Blick gerät. Der Titel "Text-Inseln" verrät, worum es dem Autor zu tun ist. In Übernahme der Terminologie Gérard Genettes wird das Motto als "herausragendes Paratext-Element" (S. 196) verstanden, das von seinem Schwellenort aus eine Vielzahl von Relationen im Kontext des Buches sowohl wie im Leseakt eingehen und konstituieren kann.

Antonsen versucht diese Multifunktionalität - die zu unterschiedlichsten Mischvarianten tendiert - vermittels Roman Jakobsons Modell der sechs Faktoren sprachlicher Kommunikation, denen Funktionen des sprachlichen Zeichens korrespondieren, klassifizierbar zu machen. Trotz der Beteuerung, es gehe dabei nicht "um eine bloße 'Schubladisierung'" (S. 197), will bei der Lektüre mitunter gerade dieser Eindruck entstehen, und ein Wegdenken von Jakobsons Modell - das im Buch zum Teil auch nur in der Terminologie der Überschriften präsent ist - kann die Lektüre und das Verständnis erleichtern.

Denn was unter Kapitel 1 - "Poetische Funktion: Die schöne Stelle" - zu lesen ist, ist eher ein fundierter und gut lesbarer Überblick über das Motto an sich - und damit ein guter Einstieg -, denn eine eigene, von anderen Verwendungsweisen abtrennbare "Funktion". Das mindert in keiner Weise den Wert der hier gebotenen Informationen über Begriffsgenese und Traditionslinien des Mottos und seiner Geschichte. Vom ersten Auftritt in der deutschsprachigen Literatur (Martin Opitz: Buch von der Deutschen Poeterey, 1624) führt der Weg über die ausschließlich der klassischen (vor allem der lateinischen) Antike verpflichteten Motto-Tradition des 17. und 18. Jahrhunderts bis zur Ausweitung des Kanons im 19. Jahrhundert, etwa bei Jean Paul (bei ihm findet sich auch das erste Selbstzitat) und Lichtenberg, bei Goethe und Schiller (die unter anderem erstmals Zitate aus der bildenden Kunst verwendeten oder eigene Mottogedichte voranstellten) oder bei Heine und Chamisso, die bereits auf zeitgenössische Autoren zurückgriffen. Überzeugten Mottisten wie Raabe oder Heine stehen vergleichsweise bis gänzlich abstinente Autoren gegenüber wie Grillparzer, Mörike, Stifter oder Keller, wobei Antonsen nicht nach Erklärungsansätzen dafür fahndet. Das Name-dropping dieser Aufzählung steckt in etwa den Rahmen der Untersuchung ab: die herangezogenen Beispiele entstammen im wesentlichen der deutschsprachigen Literatur "aus den anderthalb Jahrunderten von Lessing bis Nietzsche (S. 23), das 20. Jahrhundert im Untertitel ist insofern etwas irreführend. Auch Abschnitt 2 - "Metatextuelle Funktion: Isolation und Ambivalenz" - diskutiert noch eher generelle Wirkungsweisen des Mottos denn klassifizierende Aspekte, etwa das Motto als Präludium (Kierkegard) im Sinn einer Problematisieurng des Anfangs.

Alle folgenden Abschnitte hingegen veranschaulichen Aspekte des Mottos, die differente Einsatzweisen beschreiben, welche in der Regel als unterschiedlich abgestufte Mischformen vorkommen. Da ist das Motto als Leseranrede im Sinne eines "introite" oder als Kommentar zum Text. Dieser Kommentar kann sich auf den Titel beziehen, d. h. Erklärungen und Zusatzinformationen für die Interpretation im Titel verwendeter Begriffe oder auch den Nachweis der Titelwendung aus einem Zitat liefern. Hier zeigt sich die funktionelle Verwandtschaft zum Vorwort, dem es die Vorteile der Kürze und Würze voraus hat. Der Kommentar kann sich auch auf den Gesamttext des Buches beziehen, insofern er eine Information über die Autorintention bringt oder in Gestalt einer Devise über Position und Haltung des Autors aufklärt. Darüberhinaus bzw. auch parallel zu den bisher genannten Aspekten kann das Motto der Spannungserzeugung dienen, indem es die Leserneugierde weckt und die Rezeptionserwartung lenkt. Mitunter stellt das Motto gar einen resümierenden Vorgriff auf den Gestamttext dar (ein schönes Beispiel dafür wäre Lessings "Laokoon").

Alle diese Möglichkeiten und Funktionsweisen analysiert Antonsen anhand einer Fülle von Beispielen, und auch wenn das gewählte Präsentationsmodell nicht völlig überzeugen kann und mitunter eher aufgesetzt wirkt, liefert die Studie ein beeindruckendes Panorama der wirkungsästhetischen Potentiale des Mottos. Interessant ist auch der vorangestellte Forschungsüberblick (Böhm, Segermann, Genette), dessen Kürze bewußt macht, daß das Motto von der Literaturwissenschaft erst in allerjüngster Vergangenheit entdeckt wurde. Und vorangestellt ist dem Buch natürlich auch ein Motto:

Il est vrai que la fonction de l'épigraphe est largement de donner à penser, sans qu'on sache quoi.
(Michel Charles: L'arbre et la source)

Es bleibt offen, ob der Autor dieses Zitat stärker in Richtung "Absichtserklärung", "Spannungserzeugung" oder "Präfiguration des Textes" interpretiert wissen will - ein schönes Bild für die multiple, klassifikatorisch schwer in den Griff zu bekommende Funktionsweise des Mottos.

Evelyne Polt-Heinzl
23. März 1999

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