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Thomas Bernhard: Werke in 22 Bänden.

Bislang erschienen:
Frost (Bd 1).
Verstörung (Bd 2).
Erzählungen 1 (Bd 11).
Erzählungen und Kurzprosa (Bd 14).
Dramen 1 (Bd 15).
Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2003/2004.

Knapp 15 Jahre nach seinem Tod ist Thomas Bernhard nun endgültig ein Klassiker geworden: Der Suhrkamp-Verlag begann im vorigen Jahr mit den ersten drei Bänden einer Werkausgabe in 22 Bänden, vor kurzem erschienen zwei weitere Bände. Es geht also Schlag auf Schlag. Und als passionierten Leser der einst von Willy Fleckhaus gestalteten Suhrkamp-Taschenbuch-"Bernhards" überkommt einen beinahe so etwas wie Melancholie angesichts der im edlen Weinrot gehaltenen Leinenbände, die sich in ihrer Vollständigkeit wohl mächtig im Bücherregal präsentieren werden. Ob sie dereinst auch so zerlesen sein werden?

Herausgegeben wird die Werkausgabe von Wendelin Schmidt-Dengler und Martin Huber vom Bernhard-Archiv. Aufgenommen werden ausschließlich Werke, die bislang bereits veröffentlicht wurden. Für den Leser bedeutet das: keine unveröffentlichten Fundstücke aus dem Nachlass in Gmunden, keine historisch-kritische Aufarbeitung der Texte mit Varianten, detaillierter Entstehungsgeschichte etc. Dafür aber so manch interessanter Text, der in Zeitschriften oder anderswo publiziert wurde und nur schwer greifbar war; außerdem in jedem Band einen ausführlichen Anhang mit Kommentaren zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte. Und was schon so manche Werkausgabe bei anderen Schriftstellern gebracht hat, schafft auch diese: den Autor zu adeln und zugleich Mythen zu zerstören - jene, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben und nicht selten vom Künstler selbst mit geschickter PR verfestigt wurden. Auf einige soll im folgenden kurz eingegangen werden.

Bei näherer Betrachtung lässt sich etwa die Behauptung, Bernhards Erstling "Frost" sei ein gleichsam aus dem Nichts enstandener Monolith in der österreichischen Literatur, nicht aufrecht erhalten. Der Blick, den uns die Herausgeber in den Nachlass gewähren, zeigt, dass Bernhard bereits in den späten 50er Jahren intensiv an mehreren Romanprojekten mit Titeln wie "Schwarzach St. Veit" und "Der Wald auf der Straße" gearbeitet hat. Insgesamt sind es 20 Textträger, die diesem ersten Groß-Prosaprojekt zuzuordnen sind. Und die Textgenese des ersten Romans "Frost", der 1963 im Insel-Verlag erschien, zeigt, dass der Schriftsteller aus diesem reichen Fundus geschöpft hat. Und auch wenn Bernhard später meist alles vor "Frost" veröffentlichte abgelehnt hat, zeigt doch die Korrespondenz mit dem S. Fischer und dem Suhrkamp-Verlag, dass seine von beiden Verlagen abgelehnten Romanversuche ihm damals viel bedeutet haben. Wie denn auch die Vermutung, da habe einer von Anfang an radikal mit allen Traditionen gebrochen, nicht aufrecht erhalten werden kann. Am aufschlussreichsten - und deshalb bislang auch medial am meisten beachtet - ist dafür der Band mit den Erzählungen und der Kurzprosa. Er versammelt nämlich sehr frühe Prosa des jungen Dichters, die starke Anleihen an der Heimatdichtung (nicht nur seines Großvaters) nimmt und nicht selten in Gefühlsduseligkeit abgleitet.

Als Wendepunkt des Schriftstellers hin zur Moderne bezeichnen die Herausgeber die Erzählung "Der Schweinehüter", die 1956 für die von Hans Weigel herausgegebenen "Stimmen der Gegenwart" geschrieben wurde. "Der Schweinehüter" ist nicht nur interessant, weil Bernhard hier bereits die ländliche Anti-Idylle beschwört und seine üblichen Themen ausbreitet. Spannend ist auch die Entstehung: Der Autor kam der Forderung des katholischen Herold-Verlags nach und strich den zunächst geplanten Selbstmord des Protagonisten zugunsten eines "Erlöserschlusses". Vom Künstler, der unbeirrt einzig und allein seinen Weg geht, kann hier (noch) keine Rede sein. Ebensowenig war es dem jungen Bernhard egal, wie die Kritik auf seine Bücher reagierte. Das beweist etwa eine Episode, die im Anhang des Dramen-Bandes wiedergegeben wird: Als frühe Kurzstücke auf dem Tonhof des Ehepaars Lampersberg bei Maria Saal uraufgeführt wurden, kritisierte Wolf In der Maur in der "Wochenpresse", dass die Werke "nicht besonders neu [seien], nicht besonders aufregend, betont gegen jede hergebrachte Form gewandt, ohne dafür eine wirklich neue zu setzen". Und wie reagiert Bernhard? Er schiebt in einem Leserbrief die Schuld auf den Regisseur Herbert Wochinz und die Veranstalter Lampersberg - Personen, die den jungen Künstler unterstützten und über solcherlei Brüskierungen sicher nicht begeistert waren (das Zerwürfnis ließ denn nicht lange auf sich warten; länger dauerte es mit der späten Rache in "Holzfällen"). Gerade die frühen Stücke zeigen übrigens auch, dass Bernhard die drei Gattung Lyrik, Prosa und Drama nicht streng getrennt sah: längere Passagen aus den Dramen "Die Erfundene" und "Frühling" fanden Eingang in die Prosaarbeit "In der Höhe" (veröffentlicht 1989 im Salzburger Residenz Verlag), die ihrerseits Teil des oben erwähnten frühen Romanprojekts "Schwarzach St.Veit" war.

Die neue Werkausgabe präsentiert nicht nur alte und vergessene Werke des Dichters, sondern auch ein neues Bernhard-Bild. Der Schriftsteller hätte wohl mit manchem ans Tageslicht gekommenen Detail weniger Freude gehabt: Aber als Klassiker kann man sich nicht wehren, genauer durchleuchtet zu werden.

Peter Stuiber
6. Juli 2004

Originalbeitrag

 

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