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Hartmut Binder: Kafkas "Verwandlung".

Entstehung. Deutung. Wirkung.
Frankfurt / M., Basel: Stroemfeld, 2004.
606 S.; geb.; EUR 48.-.
ISBN 3-87877-855-4.

Eineinhalb Kilogramm schwer und im Quartformat - so präsentiert sich Hartmut Binders schon im Erscheinungsbild als Monumentalwerk erkennbare Untersuchung zu Franz Kafkas "Verwandlung". Auch das irritierende Moment des Buches kündigt sich schon am Cover an: Es zeigt einen Ausschnitt aus der Sonderbriefmarke zum 11. Automobil-Salon in Prag 1914. Das wäre ein ideales Sujet für Peter Demetz' "Die Flugschau von Brescia" (2002) gewesen - aber wo ist der Konnex zur "Verwandlung"? Das Automobil steht für Kafkas Technikbegeisterung, so die Auskunft des Stroemfeld Verlags, der sich seit Jahren um die verdienstvolle Faksimileedition von Kafkas Werken bemüht. Das hatte man schon vermutet, löst aber das Rätsel doch nicht ganz.

"Kafkas Verwandlung" lautet der Titel der Buches und deutet damit an, dass wir es hier mit einer art finalen Untersuchung zu tun haben. Tatsächlich ist Binders Buch als eine Art Resümee eines Forscherlebens im Dienste Franz Kafkas lesbar - und so hat es durchaus seine Richtigkeit, dass sehr viele Fußnoten auf Binders eigene Aufsätze und Bücher verweisen. Genau lässt sich das Verhältnis allerdings schwer feststellen, denn überraschenderweise verzichtet das Buch auf ein Literaturverzeichnis. Sicher, 600 Seiten sind schon schwer genug, aber darauf wäre es wohl doch nicht mehr angekommen.

Was Hintergrunddetails und Faktenlage zu Entstehung, Textgenese, Druckgeschichte oder thematische Genealogien betrifft, ist schwer vorstellbar, dass nach Binders Studie noch Entscheidendes hinzuzufügen sein wird. Solch Forscherfleiß und Akribie sind immer beeindruckend und verdienen ohne Zweifel jede Würdigung.

Binders Studie zeigt jedoch nicht nur die Leistungen einer Forschergeneration und der strengen philologischen Schule, der sie sich verpflichtet fühlt, sondern auch deren Grenzen. "Sofern [...] wissenschaftliche Textdeutung in Rede steht, können nur Ergebnisse anerkannt werden, die nach den Gesetzen der Philologie und der Hermeneutik gefunden worden sind" (S. 440), so lautet Binders Schlussstrich unter alle 'psychoanalytischen' und sonstigen "Irrwege" von Hellmuth Kaiser, Kurt Weinberg, Frank Möbius oder Holger Rudloff und wie deren "Gesinnungsgenossen" (S. 442) alle heißen mögen. (Die Sprache von Philologen ist oft erstaunlich unsensibel und verräterisch.) Ihre Denkansätze belegt Binder im Feuereifer seiner Überzeugung nur mit Adjektiven wie abstrus, absonderlich und aberwitzig. Solche Verdikte gelten für alle, "welche die Wahrheit der 'Verwandlung' nicht auf der Ebene der Familiengeschichte suchen und finden wollen" (S. 440). Mit autoritären Gesten dieser Art lässt sich vieles im Handstreich erledigen, allerdings macht es die eigenen Thesen nicht automatisch überzeugender und hinterlässt auch blinde Flecken im eigenen Text.

Während Binder Forscherkollegen scharf kritisiert, die Tagebucheintragungen zur Unterstützung ihrer Thesen heranziehen, bezieht er sich selbst auf den zeitgleichen dichten Briefwechsel mit Felice Bauer, den er als Autorenkommentar liest, so als wäre briefliche Liebesrede nicht immer und speziell in diesem Fall intentional und stilisiert. Es scheint ihm durchaus stimmig und vor allem zulässig, diesem Briefwechsel philologische 'Beweise' für Behauptungen zu entnehmen. "Kafka glaubte die Zuneigung Felicens so wenig zu verdienen wie ein Kleinkind, das von seiner Mutter auf seine Schlechtigkeit hingewiesen wird und deswegen Angst hat, ihre Liebe zu verlieren" (S. 52), lautet eine Schlussfolgerung daraus. Das kann natürlich sein, aber wer wüsste das schon mit solcher Sicherheit zu sagen, außer Hartmut Binder?

Diese Einwände sollen nicht verdecken, dass Binders akribische Arbeit am Text oft auch faszinierend ist. Wenn er über fast zehn Seiten erläutert, warum der Eröffnungssatz eigentlich nicht stimmt und weshalb er doch stimmig ist (S. 263ff); wenn er analysiert, wie sich die Wahrnehmung des Perspektivträgers im Text organisiert, wie und warum Kafka an bestimmten Stellen die Perspektive ins Auktoriale hin bricht (S. 212ff); was alles aus der Modalverbstruktur in der erlebten Rede herausgelesen werden kann (S. 243ff); wie gekonnt Kafka Requisiten, Gesten, Körperteile in den Text einführt und immer wieder aufnimmt (S. 372ff), oder wenn er ganz einfach die Ahnengalerie der literarischen Ungeziefer bis hin zum Naturgeschichtebuch an Kafkas Gymnasium vor dem Leser ausbreitet (S. 68ff). Mit seiner Detailgenauigkeit erstellt Binder sogar eine Art Sündenregister mit - aus seiner Sicht - faktischen Ungereimtheiten im Erzählablauf (S. 45ff).

Bei anderen Analysefeldern muss sich eine derartige Herangehensweise natürlich schwerer tun. Dem Abschnitt "Humor" etwa ist anzumerken, wie sich Binder die fünf Seiten hier abtrotzt zu einem Thema, das in der Forschung mittlerweile nicht mehr wegzuleugnen ist, von dem er aber nicht wirklich überzeugt ist. "Gregors Rede an den fliehenden Prokuristen" etwa gesteht er "humoristische Wirkungen" (S. 280) zu, aber das Thema bleibt Binder und auch seiner eigenen Sprache wesensfremd. So ist dann auch sein Urteil über die genial-komische Verfilmung durch Jan Nemec (1975) im Schlusskapitel "Wirkung" recht eindeutig: Diese Filmfassung, so Binder, "interpretiert [...] die Handlung allzu deutlich als ödipales Psychodrama und betont den Spielcharakter des Textes zuungunsten des Schreckens und der Trauer, die Kafka beim Leser hervorrufen wollte" (S. 528). Natürlich kennt auch Binder Kafkas Bericht, dass er und die Zuhörer beim Vorlesen der 'Verwandlung' viel gelacht haben - Binder zitiert ihn auch sehr kurz und fast 200 Seiten vorher -, aber wenn es um eine zentrale These geht, hindert den überzeugten Philologen nichts daran, besser zu wissen, was Kafka wirklich gewollt hat.

Evelyne Polt-Heinzl
4. November 2004

Originalbeitrag

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