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Susanne Blumesberger (Hrsg.): Frauen schreiben gegen Hindernisse.

Zu den Wechselwirkungen von Biografie und Schreiben im weiblichen Lebenszusammenhang.
Wien: Edition Praesens, 2004.
128 S.; brosch.; Euro 18,90.
ISBN 3-7069-0236-2.

"Eigentlich kann ich nur leben, wenn ich schreibe." - "Meine Bücher sind alle verstoßene Kinder. Mich interessiert nur der Vorgang des Schreibens." Zwei Aussagen der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer, die durchaus exemplarisch sind für Frauen, die im 20. Jahrhundert geschrieben haben. Schreiben ist eine existenzielle Erfahrung und für AutorInnen ein Beruf.

Was bedeutet es für Frauen, das Wort zu ergreifen und zu veröffentlichen? So unterschiedlich die Motivation und der Zeitpunkt für den Beginn des Schreibens sind, so eindeutig lässt sich feststellen, dass es dabei frauenspezifische Hindernisse zu überwinden gilt. Das von Susanne Blumesberger herausgegebene Buch ist im Anschluss an eine Tagung entstanden, die im Rahmen des Großprojekts "biografiA, Datenbank und Lexikon österreichischer Frauen" (http://www.biografiA.at/) durchgeführt wurde, und beleuchtet diese vielfältigen "Wechselwirkungen von Biografie und Schreiben im weiblichen Lebenszusammenhang" - wie der Untertitel präzisiert.

Der Band versammelt eine Vielzahl von Beiträgen, die aus unterschiedlichen Perspektiven diese Beziehungen thematisieren und lässt sowohl WissenschaftlerInnen als auch Schriftstellerinnen zu Wort kommen. So stehen Beiträge über schreibende Frauen neben persönlichen Erfahrungsberichten. Der Bogen reicht von einem sehr informativen und berührenden Beitrag über die letzten Briefe von hingerichteten österreichischen Widerstandskämpferinnen im Landesgericht Wien von Karin Nusko bis zu einem Ausschnitt aus Friederike Mayröckers beeindruckendem literarischem "Requiem für Ernst Jandl". Gerade diese Vielfalt und einzelne Beiträge zählen aber auch zu den Schwächen des Bandes, der sich zu viel vornimmt und dabei zwangsläufig manchmal nur an der Oberfläche bleiben kann. Aus literaturkritischer Perspektive erscheint es bedauerlich, dass literarische und ästhetische Differenzierungen keine Rolle spielen.

Susanne Blumesberger sucht in ihrem Beitrag "Schreiben, um zu (über-)leben" eine besondere Grenzerfahrung im Leben als Ausgangspunkt des Schreibens festzumachen. Sie fragt sich, warum immer mehr Menschen (und dabei mehr Frauen als Männer) sich an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben aufgefordert fühlen, zu schreiben und hinterfragt verschiedene psychologische Erklärungsmuster. Für Autorinnen wie Sylvia Plath, Virginia Woolf, Anne Sexton, Unica Zürn und andere lässt sich jedenfalls nicht die These bestätigen, dass Schreiben Therapie bedeutet, denn sie alle hat ihr Schreiben, ihre Kunst und ihr Erfolg nicht gehindert, den Freitod zu wählen. Kein einheitliches Bild ergeben auch die autobiografischen Zeugnisse von Shoah-Überlebenden hierzulande und im Exil. Grenzerfahrungen wie eine Krankheit oder einfach Veränderungen im Alter können ebenso Anlass für das Schreiben sein wie für Katharina Beta, die in dem Band auch selbst zu Wort kommt, oder für die Filzmooser Bäuerin Barbara Passrugger, die beide daraus neue Kraft schöpfen.

Mehrere Beiträge reflektieren die Zeit des Nationalsozialismus, neben dem erwähnten Aufsatz von Karin Nusko stellt Ilse Korotin Überlegungen zur "(Auto-)Biografie von Mathilde von Kemnitz-Ludendorff" an und Susanne Bock erzählt, warum sie in ihrer Pension als Seniorenstudentin den Entschluss fasste, zwei Bücher über ihre Erfahrungen als Kind, ihre Flucht, Emigrationsjahre und ihre Rückkehr zu schreiben. "Heimgekehrt und fremd geblieben" - so einer ihrer Buchtitel - bleibt sie und führt das auch darauf zurück, dass Frauen "gegen den Druck der Umgebung und ganz ohne Ermutigung von außen" schreiben müssen.

Das literarische Selbstverständnis von Ilse Kilic manifestiert sich in ihrem Text "Die Autobiografie als unsicherer Ort". Käthe Recheis überwand auf ihrem Weg zur Schriftstellerin vor allem Hindernisse ihrer Umgebung. Es gab auch warnende Worte für ihren Entschluss, Literatur für Kinder zu schreiben, den viele Autorinnen der Nachkriegszeit getroffen haben. Aber sie wollte beweisen, dass Literatur für Kinder und Jugendliche anerkannte Literatur ist. "Ich fand gleichgesinnte Kolleginnen und Kollegen, wir saßen alle im selben Boot und wurden eine verschworene Gemeinschaft. (...) Gegen alle Widerstände ist es uns auch gelungen." Ob sie mit ihrer persönlichen Einschätzung Recht hat, mag man bezweifeln.

Barbara Neuwirth sucht ihr eigenes Schreiben und ihre Arbeit als Verlegerin im Wiener Frauenverlag (bis 1997) im Kontext der Entwicklung der Frauenliteratur seit den 1970er Jahren zu verorten. Bis heute sieht sie die geschlechtsspezifischen Hindernisse in drei Bereichen: Biografische Entscheidungen haben für Frauen andere Auswirkungen als für Männer, die öffentliche Anerkennung ist nicht selbstverständlich und wird immer mit dem Hinweis auf das Geschlecht versehen, die Identitätszuschreibung als Autorin ist bei Frauen geringer ausgeprägt. Neuwirth untermauert ihre Thesen in einem der wichtigsten Beiträge des Bandes sowohl mit wissenschaftlichen Untersuchungen als auch mit persönlichen Erfahrungen (und jener von Kolleginnen) und macht deutlich, dass das Geschlecht bis heute eine Kategorie der Unterscheidung ist, "die generell gesehen in unserer Gesellschaft bessere oder schlechtere Bedingungen bewirkt."

Christa Gürtler
15. September 2005

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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