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Uwe Baur, Karin Gradwohl-Schlacher: Literatur in Österreich 1938-1945.

Handbuch eines literarischen Systems.
Band 1: Steiermark.
Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2008.
376 S., geb., Euro 39,-.
ISBN 978-3-205-77809-7.

Bescheidenheit ist eine Tugend – eine der grundlegenden Informationen ist hier in eine Fußnote verpackt: Die "Forschungsstelle Österreichische Literatur im Nationalsozialismus", aus einem Forschungsprojekt (1986-1998) hervorgegangen und im Grazer Universitätsarchiv beheimatet, beherberge heute den "größten geschlossenen Dokumenten-Bestand zum Literaturbetrieb des Dritten Reiches im deutschen Sprachraum". Die beiden Gründer und Mitarbeiter dieser Forschungsstelle, Karin Gradwohl-Schlacher und Uwe Baur, haben nun auf dieser Materialfülle aufbauend ein ehrgeiziges Projekt gestartet: nichts weniger als das gesamte literarische Leben Österreichs während des Nationalsozialismus zu dokumentieren.

Die beiden Autoren haben sich für die Form eines "Handbuchs" entschieden, das eine "Kombination von Personenlexikon und Sachwörterbuch" darstelle. Das Unternehmen startete nun mit dem "Heimatgau" von Uwe Baur und Karin Gradwohl-Schlacher, der Steiermark. Jedes Jahr soll der Band eines weiteren Bundeslandes folgen. Richtigerweise müsste das Unternehmen mit "institutionalisierte Literatur in Österreich 1938-1945" betitelt sein, denn nicht erfasst wurde die Innere Emigration, die Exilliteratur und die orale KZ-Literatur, wie die beiden Autoren gleich zu Beginn der Einleitung darlegen. Wenn alles nach Plan läuft, sollte das Handbuch-Projekt 2017 mit einem Verzeichnis der literarischen und literaturpolitischen Institutionen abgeschlossen werden.

Vieles war natürlich schon bekannt, etwa durch die Arbeiten Klaus Amanns und nicht zuletzt durch Vorarbeiten der Grazer Forschergruppe selbst (vor allem "Macht Literatur Krieg. Österreichische Literatur im Nationalsozialismus", 1998). Aber mit diesem Handbuch wird für zukünftige Forscher überblicksmäßig, quasi ein für alle Mal, Klarheit verschafft. Damit ist, wie der Klappentext richtig propagiert, auch eine Basis für "sachliche Auseinandersetzung mit dem brisanten, zumeist anlässlich von Gedenkveranstaltungen aufwallenden Thema" der Verstrickung von Autoren in die NS-Politik geschaffen. Von den 21 Frauen und 92 Männern des Steiermark-Bandes sind sämtliche eruierbaren Mitgliedschaften, Veröffentlichungen, Preise, Förderungen, Teilnahmen an Veranstaltungen und Lesungen verzeichnet.
Einen letztgültigen Anspruch auf Vollständigkeit lässt die Quellenlage natürlich nicht zu. Aber auch so erfährt man genug. Das Gros der Autoren zwischen Richard Heinrich Achleitner und Daniel Franz Zorn ist wohl zu Recht der Vergessenheit anheim gefallen und war schon während des "Dritten Reichs" nur von regionaler Bedeutung – aber literarische Qualität war bei der Erstellung naturgemäß kein Kriterium, Baur und Gradwohl-Schlacher ging es vielmehr um die Auswahl einer "möglichst breiten Basis".

Die leichte Verstaubtheit des allerersten Satzes ("Mit diesem Band [...] tritt ein lexikalisches Nachschlagewerk an die Öffentlichkeit") bleibt eine Ausnahme, gerade die "Literaturhistorische Einführung" ist konzis und erhellend geschrieben – eine genaue Institutionengeschichte (auch der Germanistik), die die Organisationsstruktur der Gaukultur sowie auch Verdienste der Autoren und Dotationen der Preise einschließt. Dieser Überblick sollte sogleich zur Pflichtlektüre für alle Grazer Germanistikstudenten gemacht werden. Dass man heute die steirischen Autoren hinter Max Mell, Franz Nabl und Paula Grogger nicht mehr kennt, bedeutet nicht, dass ein Querlesen der biographischen Einträge uninteressant wäre. Man kann sich darüber informieren, wie die Karriere der beiden Nazi-Größen Paul Anton Keller und Josef Papesch – und ihr Konkurrenzkampf untereinander – genau aussah und wie sie nach 1945 erfolgreich weiterarbeiten konnten; man kann "kleine Karrieren" nachvollziehen, etwa jene des Übersetzers Walther Kotas, der sich in der NS-Zeit den zweiten Vornamen Hjalmar gab, nach dem "Anschluss" das Schreiben bleiben ließ, NS-Funktionär wurde und sich nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft aus Angst vor einem Volksgerichtsverfahren nicht mehr nach Wien traute; oder man kann von den Schwierigkeiten des schriftstellernden Priesters Rochus Kohlbach, fünfzehntes von 22 Bergbauernkindern, lesen, der im "Ständestaat" als Leitartikler gegen die Linke wetterte, wegen Kritik an der Politik der NSDAP in Deutschland am Tag des "Anschlusses" verhaftet und schließlich als Pfarrer in einem abgelegenen weststeirischen Dorf "versteckt" wurde; und man wird in einem der ausführlichsten biographischen Einträge an den Ende der achtziger Jahre wiederentdeckten Richard Zach erinnert, der seine Widerstandstätigkeit mit einer Karriere als NS-Autor tarnen wollte und 1943, nicht einmal vierrundzwanzigjährig, hingerichtet wurde.

Eine kleine Anregung für die vielen weiteren Bände: Das Auffinden der einzelnen Autoren würde viel leichter fallen, wenn in der Kopfzeile nicht überflüssigerweise der Name des Buches und des Kapitels ("Autoren und Autorinnen") stünde, sondern, wie in einem Lexikon, der Name des entsprechenden Eintrags.

 

Wolfgang Straub
10. November 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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