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Klaus Blanc; Elisabeth Raabe (Hrsg.): Arche Literatur Kalender 2009.

Gestaltung: Max Bartholl.
Fotoauswahl: Regina Vitali.
Zürich, Hamburg: Arche Kalender Verlag, 2008.
61 Bl., 60 vierfarb. Abb.; 24 x 28 cm; Ringbindung; Euro 19.-.
ISBN 978-3-7160-6009-4.

"Neulich traf ich A. Wir können uns nicht mehr verstehen, es ist ein anderer, der so heißt wie er. Wenn ich früher, es ist noch nicht so lange her, seinen Namen aussprach, wenn ich ihn sah oder an ihn dachte, ging ein Licht in meinem Herzen auf. Ich fühlte eine warme, tröstliche Gegenwart. Ich fühlte mich nicht mehr einsam. Wenn ich seinen Namen jetzt ausspreche, wenn ich jetzt im Geiste sein Gesicht sehe, ergreift mich Entsetzen, Haß geradezu, ein großes Unbehagen. Sein Name schien mir der eines Erzengels. Jetzt klingt mir derselbe barbarisch. Schlimmer. Als wäre es der Name einer Hyäne oder eines Hundes."

Kurz ist der Tagebucheintrag Eugène Ionescos über die Begegnung mit einem ehemals guten Freund, und dennoch durchmisst er darin die Fallhöhe einer Beziehung - von Euphorie bis zu tiefer Abneigung. "Beziehungen & Begegnungen" - glückhaft und schmerzvoll, flüchtig und dauerhaft, gescheitert und gelungen - sind das Thema des Arche Literaturkalenders 2009. Seit 25 Jahren versammelt dieser zum "Klassiker unter den Literaturkalendern" avancierte literarische Jahresbegleiter Zitate von Schriftstellern unterschiedlichster Sprachen und Zeiten zu wechselnden Themen. In der Jubiläumsausgabe greifen die für die Textauswahl verantwortlichen Klaus Blanc und Elisabeth Raabe das Motto "Begegungen" der ersten Ausgabe von 1985 wieder auf.

Zitate aus Briefen, Tagebüchern, (Auto)biografien, Gedichten, Erzählungen und Romanen von 36 Autoren und 17 Autorinnen - sechs davon aus Österreich - geben Woche für Woche an den jeweiligen Geburts- und Todestagen Zeugnis von Freundschaften, Liebesbeziehungen, Arbeits- und Lebenspartnerschaften oder familiären Bindungen. Die Textausschnitte sind klug gewählt - auch in ihrer Kürze vermitteln sie die unterschiedlichen Temperamente der Schreibenden. In Kombination mit den sparsamen, prägnanten Informationen über die Situation, in der oder aus der heraus die Texte entstanden, ergeben sich 53 einprägsame Momentaufnahmen. Für die gelungene optische Gestaltung sorgt eine elegante grafische Gestaltung mit neuer Typografie und sparsam eingesetzten Farbakzenten: die Autorenfotos und Portraits sind teilweise farbig, teilweise farbig unterlegte Schwarzweiß-Abbildungen. Quellenangaben und Kurzbiografien finden sich am Ende des Kalenders.

Das Ergebnis ist ein abwechslungsreicher, ebenso berührender wie amüsanter Parcours durch die vielfältigen Spielarten menschlicher Beziehungen. Knapp geschilderte, private Alltagsszenen Walter Kempowski: "Schwiegermutter war heute aggressiv. Sanguinisches Gemüt kann leicht in ein aggressives umschlagen, das lernt man nun. Verstehen kann man's, aber aushalten will man's nicht." - finden sich da ebenso wie idealistische Vorstellungen. Solche äußerst Friedrich Schiller, dessen Geburtstag sich am 10. November 2009 zum 250. Mal jährt, in einem Brief an seinen Freund, den Juristen Christian Gottfried Körner: "Über den Bau unsrer Freundschaft habe ich tausend Ideen, deren ich entweder jetzt schon in Briefen, oder bei unserm persönlichen Umgang in Dresden los zu werden gedenke. Kalte Philosophie muß die Gesezgeberin unsrer Freundschaft seyn, aber ein warmes Herz und ein warmes Blut muß sie formen."

"Eines der wichtigsten Ereignisse dieser Jahre - und meines Lebens überhaupt" war für Jorge Luis Borges die Begegnung mit dem 17 Jahre jüngeren Adolfo Bioy-Casares. Der Freund wurde ihm auch Arbeitspartner, die gemeinsam verfassten Werke veröffentlichten die beiden unter dem Pseudonym H. Bustos Domecq.

Wie anfällig die Beziehung Autor-Verleger für atmosphärische Störungen sein kann, belegt ein Brief von Thomas Bernhard an Siegfried Unseld, worin er Suhrkamp mangelnden Einsatz für seinen Roman "Verstörung" vorwirft. "Dass ein so grosser und so guter Verlag wie der Ihre aber nicht mehr als tausendachthundert Exemplare verkaufen hat können, ist so absurd, dass das kein Mensch glaubt, wenn ich das sagte, denn selbst wenn ich ganz alleine mit meinem Rucksack durchs Land ginge, verkaufte ich in vier Wochen sicher mehr."

Zu den berührendsten Blättern zählen jene, in denen vom Verlust eines geliebten Menschen erzählt wird. Wenige Worte reichen, um die Verzweiflung aufzuzeigen, die Erika Mann angesichts des Selbstmordes ihres geliebten Bruders Klaus fühlte: "und ich bin doch gar nicht zu denken, ohne ihn." Hans Arp erinnert sich an seine durch einen tragischen Unfall ums Leben gekommene Frau in dem Gedicht "Sophie": für dich war die welt nie dunkel und zerklüftet du schrittest mir voran mit frohem glanz und frohem schein dein mut zog hilfreich in mich ein du schirmtest unseren traum und jede stunde hatte einen sinn und einen sauberen saum Die wohl durchdachte Anordnung der 53 Texte zeigt u.a. eines der schönsten Beispiele, mit dem das Kalenderjahr 2009 eröffnet wird. Maxie Wander schrieb es zu Beginn des Jahres 1972 - sie ist eben mit ihrem Ehemann Fred Wander in einem Urlaubsheim der DDR Schriftstellervereinigung angekommen: "Ich packe aus, richte mich ein, von Erwartungen kindisch erregt, denn morgen, morgen geht's los! Dann machen wir den gewohnten Anfangsspaziergang, und nachher will Fred wieder fahren! Hand in Hand, schweigend und glücklich gehen wir am Seeufer entlang - in Erinnerung der schönen Tage und Nächte, die wir hier oft verbrachten. Drüben verschwimmen die Hügel im abendlichen Dunst. Ein neues Jahr, was wird es bringen?"

 

Barbara Zwiefelhofer
22. Dezember 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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