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Anne Betten; Konstanze Fliedl (Hrsg.): Judentum und Antisemitismus.

Studien zur Literatur und Germanistik in Österreich.
Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2003.
253 S., brosch., 41,- Euro.
ISBN 3-503-06151-7.

Das ist ein Tagungsband. Mit dieser Information setzt das Vorwort ein. Der Leser weiß nun zwar, dass die Beiträge des Buches Referate auf der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Germanistik im Juni 2001 waren, aber zugleich ist diese Information im positiven Sinne unwichtig. Zum einen merkt man keinem der 15 Beiträge seinen Vortragscharakter an - was bei Tagungsbänden mitunter besonders negativ hervorsticht -, alle sind also genauso Aufsätze, zum anderen wirkt sich die Größe und Breite des Themas - Judentum und Antisemitismus - hier positiv auf die Zusammensetzung der Beiträge auf. Die Varietät der unterschiedlichen Zugänge und verschiedenen Themen, in punktuellen Schlaglichtern umgesetzt, führt dazu, was Anne Betten, mit Konstanze Fliedl Herausgeberin des Bandes, im Vorwort als erhofftes Ziel angibt: "aufschlussreiche Einblicke".

Die Ausnahme bildet dabei Konstanze Fliedls Einleitung, sie versucht sich an keinem Ein-, vielmehr an nichts weniger als einem kurzen Überblick und geht der Frage nach, was jüdische Identität und Judentum in Österreich vom Gleichstellungsstatut 1867 bis in unsere Gegenwart bedeuten könnte. Das gelingt nicht zuletzt deshalb schlüssig und griffig, weil ihr die Literatur durchgehend als Auskunftgeber dient, für die Zeit nach 1945 konstatiert Fliedl: "Die Literatur war das beharrliche Gedächtnis der Zweiten Republik."

Die Aufsätze lassen die Herausgeberinnen konsequenterweise mit einem Emigranten beginnen: Egon Schwarz, der "Peregrinus unter den Germanisten" (Paul Michael Lützeler), klopft die jüdischen Autoren des Fin de siècle auf ihr "jüdisches Selbstverständnis" hin ab. Er beschränkt sich zwar auf einige wenige - und meist "große" wie Schnitzler oder Werfel -, umreißt aber in seiner Kürze die wichtigen Fragen beim Umgang mit diesem Thema. Die amerikanische Germanistin Abigail Gillmann ergründet "das Jüdische" ebenfalls an einem dieser Zeitgenossen, wenn auch an einer Detailfrage: "Is Freud's Art of Memory Jewish?"

Ein interessantes Experiment führt Wolfgang Müller-Funk vor, er liest Theodor Herzl und Joseph Roth mit Carl Schmitt. Unter den Auspizien von Schmitts "Land und Meer"-Studie aus dem Jahre 1944 werden die in den herangezogenen Arbeiten (vor allem Herzls "Altneuland" und Roths "Leviathan") behandelten Kulturvorstellungen und Utopien dichotomisch aufgeteilt: Entweder sind sie dem Maritimen ("Seeschäumer") oder Terrestrischen ("Landtreter") zuzuordnen. Das mag in manchem eine Zuspitzung, vielleicht interpretatorische Verengung bedeuten, es macht aber großes Vergnügen, Müller-Funk bei seiner schlüssigen postkolonialistischen Lektüre durch die Brillen Schmitts zu beobachten.

Mit der zu einem nicht unbeträchtlichen Teil ungustiösen völkischen Literatur der Zwischenkriegszeit, sozusagen mit der "anderen Seite", setzt sich Johann Sonnleitner auseinander, er benützt die Gelegenheit, um sich zu Beginn in die Debatte um Rudolf Burgers Thesen zur unnützen Vergangenheitsbewältigung einzuschalten - damit haftet diesem Beitrag etwas Zeitgebundenes an, der Höhepunkt dieser Debatte war 2001 (zur Zeit der Tagung), was Sonnleitners Zorn allerdings um nichts weniger gerecht sein lässt. Zudem versteht man nur zu gut, dass er sich lieber der Burger-Debatte zuwendet als den unerquicklichen völkischen Romanen (eine, wie er schreibt, "leidvolle" Lektüre). Ein besonders krasses Exemplar voller "abscheulicher Drastik" nimmt er sich aber stellvertretend vor, Karl Paumgarttens "Repablick" (1924). Sonnleitner vertritt zudem die These, dass "diese Literatur aus Österreich an rassistischer Radikalität jene ihrer ideologischen Weggefährten aus der Weimarer Republik und im Dritten Reich übertroffen hat." Eine Überprüfung wird wohl aus verständlichen Gründen ausfallen.

Johann Holzner widmet sich in einem Überblicksartikel der "österreichischen Literatur im Exil", Hans Höller schreibt zu einem der wenigen Exilanten, die nach Österreich zurückkehrten: Fred Wander. Höller kann nicht verstehen, dass etwa Wanders "Der siebente Brunnen" von der "sonst doch so sprachbewußten österreichischen Literaturwissenschaft kaum bemerkt wurde". Die notgedrungen willkürliche Linie dieses Buches führt weiter zu Andrea Reiters Überlegungen zur Authentizität der Holocaust-Literatur, und zeigt sich damit als eine sehr schlüssige Linie. Reiter kommt zu dem interessanten Resümee (und erinnert damit an Fliedls Vertrauen in die Literatur als "Auskunftgeber"): "Was als Roman deklariert wird, kommt der atmosphärischen Realität im Lager wahrscheinliche näher als eine dokumentarische Präsentation der Fakten."

Dass der Band nicht nur im thematischen 'Kernbereich' Hochinteressantes zu Tage befördert, zeigt der Beitrag Günther Scheidls, der die "Renaissance des ,jüdischen' Romans nach 1986" im Fokus hat. Er führt ein Detail vor Augen, das ich in dieser Klarheit hier erstmals lese: "Die beiden ersten Romane Menasses ['Sinnliche Gewißheit', 'Selige Zeiten, brüchige Welt'] sind meines Wissens die ersten seit Doderer, die den Lebensraum ,Stadt' als Handlungsort unhinterfragt voraussetzen."

Ein kleinerer Teil des Bandes wendet sich der wichtigen Frage des Verhältnisses der eigenen Zunft zu Judentum und Antisemitismus zu. Werner Michler untersucht dies bei den schulebildenden Germanisten Wilhelm Scherer und Erich Schmidt, Karl Müller stellt der Literaturwissenschaft der Zweiten Republik bei der Beschäftigung mit "jüdischer" Literatur - wenig überraschend - ein Armutszeugnis aus.

Abschließend kann der Leser Einblick gewinnen in Interviewprojekte mit "einschlägigen" EmigrantInnen, Grazer Germanistinnen sind hier federführend. Beatrix Müller-Kampel etwa berichtet von ihrem Nachforschen des Lebenswegs der Germanistin Edith Rosenstrauch-Königsberg, die als Remigrantin, Frau, Kommunistin gleich mehrfach marginalisiert war im Wissenschaftsbetrieb der Nachkriegszeit. Müller-Kampel zitiert auch einen Ausspruch Rosenstrauch-Königsbergs, der eine Idee davon gibt, dass jüdisches Leben in Österreich heute möglich ist: "All die Jahre hindurch war ich eine bewußte Österreicherin. Das bin ich auch heute. Doch mehr denn je bin ich heute auch bewußte Jüdin - bin somit das, was mein Mann als ,homo austro-judaicus' bezeichnet."

Woflgang Straub
3. Oktober 2003

Originalbeitrag

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