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Friedrich Achleitner: einschlafgeschichten.

Wien: Paul Zsolnay, 2003.
104 S.; geb.; Eur[A] 13,30.
ISBN 3-552-05225-9

Link zur Leseprobe

Die Wiener Gruppe ist tot. Achleitner lebt und lässt nach geraumer Zeit wieder etwas von sich hören. Seine jüngste literarische Publikation versammelt Kurzprosa, die Beobachtungen in Österreich und drüben bei den Schweizer Nachbarn scharfsinnig zum Besten gibt, wobei der Protagonist meist in Hotels den seiner Inspiration zuträglichen Rahmen findet. Dabei entpuppt sich die Handlung als Vorwand, um zum eigentlichen Objekt der Begierde vorzudringen.

Wie in seinen inzwischen zu Klassikern gewordenen Gedichten richtet Achleitner seinen Blick auf das von der Syntax losgelöste Wort, um es assoziativ zu verdichten und daraus Denkspiele mit überraschenden Sinnperspektiven zu kombinieren. Was er dem Leser zu berichten hat, korrespondiert nicht mit dem Fingieren einer Realität, sondern ist sich selbst spiegelnder und bespiegelnder Sprachkosmos. Der Architekturhistoriker erkundet Lexeme wie urbane Landschaften und klopft liebevoll-kritisch Signifikanten ab, um sich ihres Inhalts (Signifikats) zu versichern. Was sind seine "einschlafgeschichten" also? Parodierte Sprachskepsis, aber auch Sprachkritik, die aus ihrem Material Textkapital schlägt. Absurd-geniale Würfe gelingen dem Wortwürfler und treiben seine Prosastücke im besten Fall auf die Höhe aphoristischer Pointen. Nehmen wir zum Beispiel das Wort freiheit mit seinem An- und Auslaut, dem Diphthong inmitten und den übrigen Buchstaben: "die lautfolge freiheit, wie es um sie steht. sie kann nur unbeschädigt kommuniziert werden, wenn sie sich keine freiheit erlaubt."

Das Kreisen der Wörter um sich selbst und das Reflektieren darüber. Das Schreiben der Texte über sich selbst und die Schwierigkeit, darüber Rechenschaft abzulegen. Weil es dem Autor stets um das Benennen geht, soll das widerspenstige literaturwissenschaftliche Arsenal aufgeboten werden, um ihm Recht zu geben: metafiktional, metatextuell wären die Achleitners Verfahren zuzuordnenden Begriffe. Aber wir wollen seinem Spieltrieb keine neue Nahrung geben. Es könnte den Termini nämlich so ergehen wie "karl sparschwein", einer Figur aus der Mikroerzählung "einschlafgeschichten": "das spar bezog sich auf seinen beruf und das schwein auf ihn selbst."

Mit Vorliebe konstruiert Achleitner dialogische Geschichten, die an La Fontaines Fabeln gemahnen, wobei der Autor mit der Fauna nichts auf dem Hut hat. Ein Filzstift trifft einen Marker, ein Fragezeichen verliebt sich in ein Rufzeichen, ein "ofenrohr ost" wird als Vergleich mit einem "ofenrohr west" herangezogen. "gell" und "oder" oder "tschüssi" und "servus" treten auf, um von einer Purzelbäume schlagenden Fantasie choreografiert zu werden.

Achleitner wäre aber nicht Achleitner, suchte er nicht immer wieder Bad und Toilette auf, um vor trügerischen Spiegeln, ein Symbol für die Abbildungsfunktion von Sprache schlechthin, eine weitere Leermeldung (in memoriam Jandl) als Köder auszulegen: "diese geschichte wird aber gelesen, obwohl es sie gar nicht gibt. sie ist sozusagen eine leermeldung."

Also alles nur Bluff? Mitnichten! Es handelt sich um den ebenso verwegenen wie obsessiven Versuch, mit poetischen Mitteln die Hermetik der Form zu sprengen. Plötzlich erzählen sich die Wörter selbst. Zu Sylvester marschieren die Adjektive über den Wiener Graben, tags darauf die Substantive, und es zeigt sich, "dass sie substantiell die adjektivisten bei weitem übertreffen werden". Hologrammen gleich liegen den Adjektiven Aktivisten zugrunde. Die Substantive hingegen werden zu ihrem Ursprung geführt und gewinnen dergestalt an Substanz. Ein dichtender Umberto Eco, der sich nicht scheut, die Welt durch die Klosettbrille philosophisch zu betrachten. Prosastücke, die so genial entbehrlich sind wie ein "reißverschluss mit vorhängeschloss", Kunst eben: unentbehrlich.

 

Walter Wagner
1. April 2003

Originalbeitrag

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