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Christine Böhler: Literatur im Netz.

Projekte, Hintergründe, Strukturen und Verlage im Internet.
Ill.: Maria Ziegelböck.
Wien: Triton, 2001.
160 S.; öS 240.-.
ISBN 3-85486-103-6.

Fördert das Netz die Trivialisierung? Christine Böhlers Darstellung legt diesen Schluss nahe. Der geringen Anzahl von professionellen Autoren, die spezifische Literatur für das Internet verfassen, stehen zahlreiche mehr oder weniger kompetente Kritiker, Theoretiker, Journalisten gegenüber, die sich damit auseinandersetzen. Christine Böhlers Einführung in die Bereiche Literatur im Netz und Netzliteratur gehört dabei eindeutig zu den seriösen Publikationen. Die Geschichte der Hyperfiction ist korrekt und verständlich dargestellt, als Ahnherrn werden die üblichen Verdächtigen genannt, und die beschriebenen Projekte ermöglichen einen guten Einstieg in die Beschäftigung mit den neuen Möglichkeiten der Produktion und Rezeption. Die Kriterien für die Behandlung weiterer Gattungen / Erscheinungsformen sind nicht immer nachvollziehbar, doch ist es für einen Einstieg ins Thema nicht besonders relevant, dass zwar MUDs und MOOs ausführlich besprochen werden, Fortsetzungsromane in Mails jedoch nicht vorkommen.

Zwischendurch wendet sich die Autorin von der Literatur ab und berichtet von Projekten, die medial vermittelte Wirklichkeiten durch Fälschungen in Frage stellen. Man liest es mit verstärktem Interesse: Die Beschreibung von Ereignissen ist eben allemal spannender als die Beschreibung von Verfahrensweisen.

Wie oft im deutschsprachigen Feuilleton wird die Darstellung durch mangelndes technisches Verständnis beeinträchtigt. Ein Satz wie "Alle Daten, die im Netz vorkommen, sind Content" macht in etwa so viel Sinn wie die Behauptung "Alles, was in Alufolie verpackt ist, ist eine Wurstsemmel". Ähnliches gilt für die Beschreibung von Pop-up-Fenstern, bei denen wohl nur - wie unterstellt - weitgehend unbedarfte Anwender an Viren denken; wer sich mit Hyperfiction beschäftigt, sollte schon mal was von Scriptsprachen und Events gehört haben.

Diesem Manko steht auf der Habenseite Christine Böhlers (implizit) erweiterter Literaturbegriff gegenüber. Dass sie Bereiche behandelt, denen in der analogen Welt etwa Botschaften in Kleinanzeigenblättern oder Artikel im Lokalteil der Kronenzeitung entsprechen, ist ein Ansatz, der für interessante Diskussionen sorgen könnte.

 

Gerald Jatzek
28. November 2001

Originalbeitrag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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