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Eva Bakos: Wilde Wienerinnen.

Leben zwischen Tabu und Freiheit.
Wien: Ueberreuter, 1999.
208 S., geb.; öS 291.-.
ISBN 3-8000-3744-0.

Eva Bakos stellt sieben Frauen vor, alle gegen Ende des 19. Jahrhunderts geboren, die sie zu den ersten modernen Frauen zählt und deren Problem es gewesen sei, "in einer gar nicht modernen Welt zu agieren" (S. 8). Und in allen bemerkt sie neben außerordentlichem Selbstbewußtsein und Durchsetzungsvermögen unveränderten "Appetit aufs Leben und auf die Liebe" (S. 9). Den vorgestellten Frauen gemeinsam ist, daß sie auf bürgerliche Konventionen wenig Rücksicht nahmen. Und bis auf eine, die Schriftstellerin Gina Kaus, waren sie Schauspielerinnen - denn, so Bakos, das Theater sei zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die beste Möglichkeit für Frauen gewesen, sichtbar in die Öffentlichkeit zu treten.
Jeweils zwei Frauen werden in einem Kapitel zusammengefaßt. Nur Lotte Lenya darf ihr Kapitel alleine anführen - ihr werden kurz die Schauspielerin Elisabeth Bergner und Helene Weigel zur Seite gestellt.

Den Anfang machen die miteinander befreundeten Schauspielerinnen Ida Orloff und Tilly Wedekind, die sehr jung zum Theater kamen, nachweislich Männer wie Karl Kraus, Gerhart Hauptmann oder Frank Wedekind nicht nur in ihren Bann zogen, sondern auch irritierten, die durchaus bemerkenswerte Karrieren und Liebesleben sowie zahlreiche Brüskierungen der öffentlichen und privaten Moral vorweisen können. Beruf und Liebesbeziehungen bilden auch den Fokus in allen übrigen Lebensgeschichten, wobei die Dynamik des Erzählens beständig auf die Höhepunkte der Leben zusteuert. Schwere Depressionen und Selbstmordversuche (Tilly Wedekind, Lotte Lenya), Selbstmord (Ida Orloff) oder das Sterben an Krebs (Josefine Gallmeyer, Lotte Lenya), Schwierigkeiten der Emigration (Gina Kaus, Lotte Lenya) finden wie nebenbei Erwähnung, können aber den faszinierten Blick, den Bakos auf diese außerordentlichen, bohemienhaften Frauen wirft, nicht wirklich stören.

Mit Josefine Gallmeyer, dem "weiblichen Nestroy", die nie die Hochsprache erlernte, und Marie Geistinger, die fast alle weiblichen Hauptrollen in den Stücken von Ludwig Anzengruber als erste gespielt hat, stellt Bakos zwei in ihrem Wesen sehr unterschiedliche Kontrahentinnen um die Gunst des Publikums innnerhalb und außerhalb des Theaters vor. Es ist das Wienerischste aller Kapitel.

Gina Kaus tritt mit ihrer Halbschwester Stephanie Hohenlohe auf, wobei Bakos die beiden Leben parallel erzählen muß, da realiter kaum Berührungspunkte zwischen den beiden nachzuweisen sind. Dennoch scheint dieses Kapitel das gelungenste, da es zwei völlig konträre Arten des Bemühens, bestimmte Ziele zu erreichen, nebeneinanderstellt. Gina Kaus' Leben ist durch ihre Autobiografie weitgehend bekannt, jenem von Stephanie Hohenlohe sind der Historiker Boris Celovsky und der Journalist Rudolf Stoiber nachgegangen. Während Kaus sich nach der Trennung von ihrem Liebhaber und Adoptivvater zwischen Berlin und Wien im linksintellektuellen Milieu bewegte und in den dreißiger Jahren mit ihren Romanen große Erfolge erzielte, strebte ihre Halbschwester eine internationale Karriere in der Aristokratie an. Gemeinsam mit dem englischen Zeitungsmagnaten Lord Rothermere gelang ihr der Zugang zur Berliner Reichskanzlei und zu Hitler, der ihr, die ihr Adelsprädkat erpreßt und jüdische Eltern hatte, für ihre Verdienste um den Nationalsozialismus das Goldene Ehrenzeichne der NSDAP verlieh. Am Höhepunkt der Hohenlohschen Karriere ist Gina Kaus bereits in der Emigration und arbeitet sich langsam zu einer angesehenen Drehbuchautorin und Übersetzerin hoch. Daß sich die Halbschwester nach Kriegsausbruch nach Amerika absetzen muß, stört deren Karriere nicht dauerhaft - mit siebzig setzt sie ein weiteres Mal ihre offensichtlich enorme Fähigkeit zu vermitteln und Kontakte herzustellen ein. Die Medien im Nachkriegsdeutschland sind erpicht auf amerikanische Themen, und Stephanie von Hohenlohe läßt ihre Beziehungen spielen und vermittelt gegen Honorar Interviews u. ä. an den "Stern" und an "Quick", handelt noch mit achtzig mit Axel Springer einen lukrativen Vertrag aus. Sie ist die einzige Frau in diesem von Begeisterung geprägten Band, die dem Leser von Herzen unsympathisch sein darf.

Ulrike Diethardt
2. Februar 2000

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