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Kimberley Cornish: Der Jude aus Linz.

Hitler und Wittgenstein.
Aus dem Englischen von Angelus Johansen.
Berlin: Ullstein, 1998.
352 S., geb.; DM 44.-.
ISBN 3-550-06970-7.

"Es gehört heutzutage zur Orthodoxie der Holocaustforschung, die Ursprünge des Holocaust durch Jahrtausende eines europäischen Antisemitismus zurückzuverfolgen. Vom Standpunkt unserer Untersuchung aus scheint es jedoch ziemlich wahrscheinlich, daß der historische Antisemitismus nicht der einzige Grund für den Holocaust war. Es scheint im Gegenteil klar zu sein, daß durch die Konzentration auf den historischen Antisemitismus die Historiker versäumt haben, den kausalen Einfluß, der wirklich zählte, aufzuspüren; und zwar einen Einfluß mit sehr viel beschränkteren und anders gelagerten Ursprüngen". (S. 84) Dieser Einfluß ist - laut Cornish - der Einfluß Wittgensteins. Cornish unterstützt zwar die These, daß es ohne Hitler keinen Holocaust gegeben hätte - aber für ihn hätte es auch ohne Wittgenstein keinen Hitler gegeben.

Die These ist nicht nur erschreckend abstrus - sie ist auch dumm. Anhand eines Fotos aus dem Jahr 1904, auf dem angeblich Hitler und Wittgenstein als Schüler abgebildet sind, konstruiert Cornish die Behauptung, daß Wittgenstein der Judenjunge ist, auf den sich Hitler in "Mein Kampf" bezieht und der Ursache für Hitlers Antisemitismus gewesen sein soll. Die Methode ist sehr zweifelhaft: mit einem Computer wurden die Gesichter der Schüler auf dem Foto gealtert und mit Fotos des älteren Hitler und des älteren Wittgenstein verglichen; man erreichte angeblich einen sehr hohen Wahrscheinlichkeistgrad bei der Übereinstimmung. Abgesehen davon, daß diese Methode der Identitätsbestimmung keine hundertprozentige Sicherheit vermittelt, ist es noch gewagter, aus der Tatsache, daß zwei Schüler unerschiedlicher Jahrgangsstufen auf einem Schulfoto angebildet sind, zu schließen, die beiden hätten sich gegenseitig beeinflußt. Es ist nicht einmal nachweisbar, daß die beiden in ihrem Leben auch nur ein Wort miteinander gewechselt haben.

Cornishs weiteres Vorgehen läßt einem die Haare zu Berge stehen: da werden phantasievoll, aber höchst unwissenschaftlich Gemeinsamkeiten zwischen Hitler und Wittgenstein konstruiert. Etwa: Hitler konnte ganze Partituren Wagners auswendig rezitieren, Wittgenstein hat aber oft Wagner gepfiffen - klar, die beiden haben was gemeinsam! Wieviele der restlichen Mitschüler das auch getan haben, läßt sich leider nicht eruieren, da die weniger berühmt geworden sind und deshalb nichts über sie überliefert ist! Der geplante Bau des Adolf-Hitler-Museums in Linz hat für Cornish nur eine Ursache: die Wittgensteins hatten so eine schöne Gemäldesammlung, da wollte Adolf auch eine haben! Und der Bau der Hermann-Göring-Stahlwerke erfolgte nur, weil die Wittgensteins in Kladno Stahlwerke hatten!

Hitlers Rassentheorie ist für Cornish angewandte Philosophie, nämlich "eine rassisch-begrenzte, arische Version von Wittgensteins Theorie des Nicht-Besitzens" (S. 316). Alles, was Hitler tat, tat er also nur - bewußt oder unbewußt sei dahingestellt und interessiert auch Cornish nicht - wegen Wittgenstein. Nebenbei serviert uns der Autor noch einige Neuinterpretationen von Äußerungen aller schillernden Figuren der Zeit, von Wittgensteins Schriften bis Wagner.

Abgesehen von den inhaltlichen und argumentativen Ungereimtheiten ist Cornish auch stilistisch problematisch: zwischendrin erinnert die Erzählung eigener "Erkenntnisse" mit dem Zweck der Manipulation des Lesers stark an den Ton amerikanischer Fernsehprediger.

Eingangs unterstellt Cornish deutschen Historikern ein vorbelastetes Verhältnis zum Thema Holocaust; er als Australier hingegen könne die Sache völlig frei und unbelastet beurteilen. Der Tod von sechs Millionen Juden, von abertausenden Soldaten aller Nationalitäten, die Ermordung Tausender in deutschen KZs - dies alles zu reduzieren auf eine nicht nachweisbare Begegnung zwischen Hitler und Wittgenstein, auf eine nicht nachweisbare gegenseitige Beeinflussung (denn der Nachweis gelingt Cornish nicht!) ist mehr als Verhöhnung aller Opfer und aller bisherigen wissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Thema.

Eva Reichmann
10. November 1998

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