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Gustav Deutsch, Hanna Schimek: Film ist. Recherche.

Wien: Sonderzahl, 2002.
120 S., ca. 100 Abb., brosch. (Querformat). EUR 19.90.
ISBN 3 854 49 199 9.

"In der Regel bedient sich [...] der Film kaum seiner Archive, er läßt sie nur überquellen." (Kubaczek/Pircher) Anders der Found Footage Film, der auf bereits Vorhandenes: zufällig Gefundenes oder absichtsvoll Gesuchtes zurückgreift. Diese Produktionsstrategie und künstlerische Methode hat seit einem guten Jahrzehnt die Arbeit österreichischer FilmemacherInnen (im sog. experimentellen Bereich) entscheidend mitgeprägt. Neben Martin Arnold, Lisl Ponger, Peter Tscherkassky oder Elke Groen ist es Gustav Deutsch, dessen Arbeiten solcherart ausgesuchte Filmkunststücke darstellen. Mit seinem letzten (und gegenwärtigen) Filmprojekt FILM IST. hat sich Deutsch dabei den Dimensionen der Archive selbst angenähert. Seit 1996 beschäftigt sich der Filmemacher (gemeinsam mit Hanna Schimek) mit diesem breit angelegten Vorhaben, das auf die Geburtsstunde und Kindheit (bzw. die ersten drei Dekaden) des Mediums zurückgreift, um der Frage nach dem, was Film ist, auf die Spur zu kommen. Mehr als 3000 Filme (bzw. Kurzfilme) sind vor den Augen von Deutsch/Schimek teils im Schnellvorlauf abgelaufen. Zwei Teile, die sich jeweils aus mehreren Kapiteln zusammensetzen, wurden inzwischen fertiggestellt: FILM IST. 1-6 (1998) widmet sich dem "wissenschaftlichen Labor als einer Geburtsstätte des Films". Kapitelweise erfolgen die Annäherungen an die Leitfrage FILM IST?, die sich immer wieder erneut stellt und vorläufig beantworten lässt: FILM IST. 1. Bewegung und Zeit; 2. Licht und Dunkelheit; 3. Ein Instrument; 4. Material; 5. Ein Augenblick; 6. Ein Spiegel. Der soeben erschienene zweite Teil, FILM IST. 7-12, befasst sich "mit dem Jahrmarkt, dem Varieté und dem Studio als zweiter Wiege der Kinematographie", hier lauten die Titel zu den einzelnen Kapiteln: FILM IST. 7. Komisch; 8. Magie; 9. Eroberung; 10. Schrift und Sprache; 11. Gefühl und Leidenschaft; 12. Erinnerung und Dokument. Die mehrfach offene Struktur des Projekts ist dabei essentiell und springt ins Auge: Als work in progress ist dieser Kompilationsfilm nicht nur durch weitere Kapitel und Themen stets erweiterbar, auch die Unterkapitel sind nach dem Prinzip der Unabgeschlossenheit angelegt: 1.1, 1.2., 1.3. usf. Für eine Vorführung kann der Film bei einem Minimum von drei Kapiteln beliebig zusammengestellt werden. Zur Vielschichtigkeit in der Kombination und Montage kommt der Soundtrack zum Film dazu, der von vier österreichischen Musikern aus dem elektronischen Bereich (Dafeldecker, Fennesz, Siewert und Stangl) komponiert wurde und in wechselseitiger Beeinflussung mit dem Filmschnitt entstanden ist.

Gleichsam als Begleitband zum Film ist nun FILM IST. Recherche erschienen. Doch FILM IST. Recherche ist zugleich Voraussetzung und Anleitung, zufälliges Nebenprodukt und nachfolgender Kommentar zum Filmprojekt FILM IST. Den Anstoß für die Publikation gaben die Skizzen zu Filmstills mit knappen Kommentaren, die Deutsch und Schimek zur optischen Gedächtnisstütze und Kommunikation verwendeten, um sich bei ihren Langzeit-Recherchen in diversen europäischen Filmarchiven einen Überblick über ihr gesichtetes Filmmaterial zu verschaffen. Diese "unabdingbaren Arbeitsunterlagen" wiesen dann aber eine "eigenständige Qualität" (als karikaturhafte Skizzen oder an konkrete Poesie erinnernde Textminiaturen) auf und scheinen schließlich "allgemein von Prinzipien der Filmwahrnehmung, Selektion und Notation zu erzählen" (Deutsch/Schimek). Als Ausgangsmaterial für das Buch wird eine Auswahl dieser Zeichnungen mit den zugehörigen Textkürzeln den entsprechenden Filmstills gegenübergestellt. Es ist in der Tat frappierend, wie nachvollziehbar daran die Arbeitsweise an diesem Projekt wird, wie sehr aber auch das Material zu weiteren Fragestellungen anregt. Diese werden in Textbeiträgen und Kommentaren genauer verfolgt. "Frau weint. Träne rollt" - zugleich ein plastisches Textkürzel aus den Recherchenotizen - lautet der Titel zu Deutschs anschaulichen Darlegungen seines Filmkonzepts, das sich also in signifikanter Weise als "eine Annäherung an die Prinzipien, die dem Medium zugrunde liegen", versteht. Seine Erkenntnisse über die eigene Recherchearbeit kann er verkürzt auf eine Formel bringen: "FILM IST. mitunter auch ein Bleistift und ein Blatt Papier."

Nico de Klerk vom Nederlands Filmmuseum in Amsterdam, das für seine Kompilationsfilme zum Frühen Kino bekannt ist und für Deutschs Projekt einen wichtigen Kooperationspartner darstellte, spricht in seinem Kommentar einige besondere Aspekte der Montage an, die in Zusammenhang mit heute angefertigten Kompilationsfilmen zu berücksichtigen sind.
In einem äußerst spannendem Text zeichnen schließlich Marianne Kubaczek und Wolfgang Pircher aus philosophischer Sicht nach, wie FILM IST. zustande kommt, indem sie sowohl den Arbeitsprozess (in den Archiven einschließlich des von Deutsch/Schimek angewandten Aufzeichnungssystems) als auch den Verwandlungsprozess des gesucht/gefundenen Materials nachvollziehen. Der Text stellt damit auch einen ausgezeichneten Beitrag zum Found Footage Film allgemein dar. Bezeichnend ist hierbei die Herstellung des Films "durch den Projektor [], ohne Kamera". Während die Kamera charakteristischer Weise mit dem Regisseur und dem Werk in Verbindung steht, ist FILM IST. daran uninteressiert. "Nicht ganz ohne Ironie, aber doch auch mit einem gewissen Ernst", könnte man mit Kubaczek/Pircher sagen, zielt Deutschs Filmprojekt auf das "'Sein' des Films im Unterschied zu den 'seienden Filmen'". Es gilt, die Oberfläche des Films (die das Werk zusammenhält) zu durchstoßen, "um zumindest in Augenblicken das sehbar zu machen, was tatsächlich der Film ist". So bezieht sich FILM IST. nicht auf die "eigentlich bedeutungstragende Schicht des Werkes [...], sondern auf das, was darunter mitgeschaffen wurde, ohne Aufmerksamkeit an sich zu binden." In derart dekonstruktiver Absicht nutzt und überwindet FILM IST. zugleich die innere Struktur des verwendeten Filmmaterials, um zu seiner Form zu gelangen.

 

Martin Reiterer
30. April 2002

Originalbeitrag

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