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Hermann Dorowin: Mit dem scharfen Gehör für den Fall.

Aufsätze zur österreichischen Literatur im 20. Jahrhundert.
Mit einem Vorwort von Wendelin Schmidt-Dengler.
Edition Praesens: Wien, 2002.
184 S., brosch., EUR 24.90.
ISBN 3-7069-0140-4.

"Österreichische Literatur" heißt das Thema, um das die acht Aufsätze des Sammelbandes kreisen. Und damit kommt auch Hermann Dorowin nicht um die Frage herum, was nun das Österreichische an der österreichischen Literatur ausmache. Allerdings verlässt er sich nicht auf eine handliche Definition des Typs "österreichisch ist immer, wenn...". Statt dessen umkreist er die Spielarten des Österreichischen in mehreren Anläufen. Als wichtigste, wenn auch keineswegs einzige österreichische Qualität findet er schließlich "das scharfe Gehör für den Fall". Diese poetische Formel ist für Dorowins Überlegungen von zentraler Bedeutung, und da sie dem Gedicht "Große Landschaft bei Wien" von Ingeborg Bachmann entnommen ist, bekundet sie zugleich, welcher österreichischen Dichterin sich der Interpret besonders verbunden fühlt. Zwei der acht Aufsätze gelten Texten Bachmanns, und so ist es zweifellos als besondere Hommage zu verstehen, dass ein Bachmann-Zitat zum interpretatorischen Schlüssel für das Ganze taugt. "Das scharfe Gehör für den Fall": Spezifisch österreichisch in diesem Sinn ist für Dorowin das "Aroma einer untergehenden Kultur", das er allerdings nicht nur im wohl bekannten "habsburgischen Mythos" aufspürt, sondern auch in Verlusterfahrungen, Vergänglichkeitsempfindungen, Verabschiedungen ganz anderer Art.

Es ist also eine melancholische Seelenlandschaft, in der Dorowin die österreichische Literatur verortet. Auch wenn Ingeborg Bachmann die wichtigste Zeugin für seine Sicht der Dinge ist, so ist sie doch nur eine unter mehreren. Und hier ist nun bemerkenswert, dass sich Dorowin durchaus nicht nur mit Autoren abgibt, deren Namen sich bei Stichworten wie "Spätzeit" oder "Vergänglichkeit" aufdrängen. Wohl gibt es einen Aufsatz über Alfred Polgars feuilletonistische Liebe zum Paradox und zur komplexen Metapher, doch befasst sich Dorowin genauso mit Erich Fried oder Jura Soyfer - Schriftstellern also, die üblicherweise nicht mit Fall und Verfall, sondern mit linken, d.h. fortschrittlichen, zukunftsorientierten Literaturkonzepten assoziiert werden. Dies weiß auch Dorowin. Doch ist ihm daran gelegen, Fried und vor allem Soyfer vor den Verengungen einer allzu einsinnigen politischen Lektüre in Schutz zu nehmen. Fried erscheint hier nicht nur - wie auch anderswo - als Wahlverwandter von Karl Kraus, sondern wird mit einigen seiner Gedichte auch in die Nähe Bachmanns und Paul Celans gerückt. Das scharfe Bewusstsein für sprachliche Ungenauigkeiten und für aufrichtige Rede macht diese Lesart möglich.

An Jura Soyfer hebt Dorowin nicht das Bekenntnis zu Marxismus und Arbeiterklasse hervor, sondern auch die ebenfalls vorhandenen bohèmehaften Züge: Spottlust, Unzuverlässigkeit, Individualismus - Eigenschaften also, die politisch gewissenhaften Soyferlesern eher peinlich gewesen sind. Soyfer erscheint hier als genuiner Aufrührer, dessen politische Energien früh frustriert wurden. Der tiefen persönlichen Krise, die dieser Frustration entsprang, verdankt sich die literarische Produktivität. Mit Hilfe gründlich recherchierter Materialien zeigt Dorowin, dass bis in Einzelheiten hinein Parallelen zwischen Soyfer und Georg Büchner bestehen. Fast alles, was sich über den einen rebellischen Jüngling sagen lässt, trifft mutatis mutandis auch auf den anderen zu.

Eines ist Georg Büchner allerdings nicht gewesen: ein Österreicher. Und damit ist eine weitere Qualität angesprochen, die diesen Aufsatzband zur österreichischen Literatur vorteilhaft von manchen anderen Arbeiten zum selben Thema unterscheidet. Hermann Dorowin, gebürtiger Wiener, hat u.a. in Deutschland studiert, und ist seit Jahren als Germanist in Italien tätig, derzeit lehrt er an der Universität Perugia. Diese Internationalität führt dazu, dass er die österreichische Literatur nicht nur von innen anschaut, sondern auch von außen. Minutiös rekonstruiert er z.B. Walter Benjamins spannungsreiches Verhältnis zu Kraus und Hofmannsthal, und in einem anderen Aufsatz vergleicht er Elias Canettis Verständnis der Masse und des Massenwahns mit den politischen Schriften Ernst Jüngers.

Bei diesen komparatistischen Untersuchungen kommen die Unterschiede zwischen den deutschen und den österreichischen Autoren zum Vorschein, aber die Gemeinsamkeiten gerade so. (Canetti und Jünger haben z.B. den demonstrativ "kalten", detachierten Blick gemeinsam, mit dem sie sich die Gräuel des 20. Jahrhunderts anschauen.) Und damit ist die womöglich wichtigste Lehre dieser Aufsatzsammlung angesprochen: Die österreichische Literatur, so kann man von Dorowin lernen, existiert - aber nicht als ein in sich geschlossenes, nach außen abgeschottetes System, das sich in allen Teilen und Elementen von anderen Literaturen unterschiede. Statt dessen steht sie - wie jede andere "Nationalliteratur" auch - in einem Hallraum vielstimmiger Bezüge und Wechselwirkungen. Je genauer aber das Bewusstsein der Dichter - und ihrer Interpreten! - für diese Wechselwirkungen ist, desto sicherer kann sich auch ihr Eigenes ausformen. Oder, wie Dorowin es einmal formuliert: "Wir sehen also, dass die österreichische Literatur des eben vergangenen Jahrhunderts zwar aus den besonderen Traditionen des Landes schöpft, keineswegs aber gebannt auf die eigene Vergangenheit starrt. Ihr 'scharfes Gehör' bewährte sich nicht nur in elegischer Selbstbetrachtung, sondern auch gegenüber neuen, anderen, fernen Geräuschen..."

Wer lernen will, diese Geräusche aus den österreichischen Texten des 20. Jahrhunderts herauszuhören, findet in dem gelehrten, vorsichtigen und selbst wohl auch nicht ganz unmelancholischen Hermann Dorowin einen guten, weil geduldigen Lehrmeister.

 

Hermann Schlösser
11. September 2002

Originalbeitrag

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