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Lou Andreas-Salomé, Anna Freud: "...als käm ich heim zu Vater und Schwester"

Briefwechsel 1919-1937.
Hrsg. v. Daria A. Rothe u. Inge Weber.
Göttingen: Wallstein Verlag, 2001.
2 Bde.; 908 S.; geb.; öS 1.226.-; EUR 84.-.
ISBN 3-89244-213-4.

Was mag die zwei Frauen bewogen haben, über den Altersunterschied von mehr als dreißig Jahren hinweg, so kontinuierlich und ausführlich zu korrespondieren? War es die alles überragende Vatergestalt Sigmund Freuds, die beide vereinte, war es die Einsamkeit, der Mangel an Verständnis, an wissenschaftlichen und privaten Kontakten? Für uns Leser jedenfalls Zeugnis einer eigenartigen Konstellation: gerade in jenem Haus, wo - so sollte man meinen - schon berufsbedingt viel geredet wurde, wo die Tochter bei ihrem Vater die "talking cure" fortsetzte und dann selbst ihren Beruf als Analytikerin ausübte, wo man also Privates und Berufliches auszutauschen hatte, gerade dort scheint eine Dialogpartnerin gefehlt zu haben. Die fand die 16jährige Anna in Lou Andreas-Salomé, die sie zuvor bei einem Besuch in Wien das erst Mal brieflich kontaktiert und die 1921 bereits den Höhepunkt ihre psychoanalytischen Karriere überschritten hatte. Vielleicht zeugt der Briefwechsel aber auch von dem Umstand, daß gerade die Nicht-Anwesenheit des Anderen die Zunge löst; persönliche Begegnungen dagegen blieben spärlich.

Was zunächst verblüfft: die Korrespondenzen gelten nur ab und an der gemeinsamen Profession; Raum dagegen für Alltägliches, wie die Krankheit des Vaters, Nachrichten von gemeinsamen Freunden und Bekannten, von Umzügen, Reisen, dazwischen viel Strickerei und Häkelei Annas für die verehrte Freundin. Zwei "Schwestern" hatten sich gefunden, und sie pflegten eine Intimität, die weniger den intellektuellen als den emotionalen Bedürfnissen galt.

Sieht man jedoch diese Korrespondenz als Reflex auf eine immer noch von Männern dominierte Welt, so ist das wortreich Mitgeteilte (oft Banale) und noch mehr das Verschwiegene (die Politik, die Männer, die Liebe) höchst aufschlußreich. Der Gewinn dieser vollständigen Briefausgabe sind die Trouvaillen: Lous Klage über den Verlust lukrativer Patienten, ihre Bemerkungen zu Freud und der eigenartigen Familienkonstellation in dessen Hause, der zugleich private wie professionelle Umgang mit Klienten und nicht zuletzt der Tonfall der Korrespondenz (viel ist da von Mäntelchen, Novellchen und Kalenderchen die Rede). Wohl mag es mitunter mühevoll erscheinen, sich auf diesen fast tausend Seiten nicht zu verlieren; doch der Kommentar und das kluge Nachwort machen es leicht, zu blättern und Neues zu entdecken - ein wissenschaftlich sorgsam aufgearbeitetes Werk, aus einer Zeit, als das Briefeschreiben noch geholfen hat.

 

Iris Denneler
28. November 2001

Originalbeitrag

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