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Konstanze Fliedl (Hrsg.): Arthur Schnitzler im zwanzigsten Jahrhundert.

Wien: Picus Verlag, 2003.
384 S.; geb.; Euro 21,90.
ISBN 3-8542-469-2.

Es gebe, als Bestandteil der Mentalität eines gewissen Wiener Milieus, einen "Schnitzlerismus", meint Franz Schuh: einen "Historismus", dessen Wirkungsmacht darin liegt, mit einem gewissen bühnenmäßigen Tonfall "die Zeitläufte zu bannen und eine innerzeitliche Überzeitlichkeit zu begründen", eine durch und durch österreichische Bühnenwelt, in der das Kultivierte dem Barbarischen ein Kompliment macht und umgekehrt. Diese Kritik an einer gewissen Wiener Rezeption ist sicher nicht unbegründet, aber trifft sie auch das Werk und die Person Arthur Schnitzlers? Folgen wir der ein wenig überzogenen These des amerikanischen Historikers und Analytikers Peter Gay, dann war Schnitzler die exemplarische Figur des weit über Wien hinausreichenden Übergangs zur Moderne - er wurzelt zwar im 19. Jahrhundert, doch spielt er in seinen Werken wie auch in seinem Leben Positionen an, die international relevant waren und sind und noch in der Strömung der Postmoderne eine Aktualität haben.

Tatsächlich ist der Wiener "Schnitzlerismus" ein Anachronismus, dessen Fundamente die internationale Schnitzler-Forschung seit Jahrzehnten systematisch untergraben hat. Auch der von Konstanze Fliedl, der Vorsitzenden der Arthur-Schnitzler-Gesellschaft, organisierte Bilanz-Kongress zum 140. Geburtstag 2002 führt uns Schnitzler mit guten Argumenten als "Zeitgenossen des 20. Jahrhunderts" vor, das er unbestechlich beobachtet hat. Schnitzler verfügte - Janet Stewarts Abhandlung über Räume und ihre Wahrnehmung in den dramatischen Werken Schnitzlers belegt das - über eine hohe Sensibilität für den Zeitgeist, die es beispielsweise ermöglicht, ihn parallel zu den kulturphilosophischen Texten Georg Simmels zu lesen und auch Giuseppe Farese weist daraufhin, dass der krisenhafte Charakter seiner Epoche Schnitzler von Anfang an bewusst gewesen sei.

Gotthart Wunberg hat aus diesen Konstellationen die Konsequenz gezogen und in seinem Einleitungsvortrag eine methodische Vorgabe gemacht, der die meisten BeiträgerInnen weitgehend folgten: Schnitzler sei mehr als der Wiener Regionaldichter, sein Oeuvre sei repräsentativ für das zeitgenössische Diskursgebäude, sei eine Art Register der Probleme des 20. Jahrhunderts und liefere - wenn man sie kulturwissenschaftlich kontextualisiere - spezielle Lösungen, deren Reichweite über den Entstehungsort hinausreichen. "Andreas Thameyers letzter Brief" könnte - diesem Verfahren folgend - auch !Wissenschaftskritik durch Parodie echter und falscher Autoritäten" heißen. Schnitzlers Anlassfälle werden dabei sozusagen erweitert - wenn er etwa die Ehe und die Handhabung der ehelichen Treue bespricht, dann so Alfred Doppler in Anlehnung an Peter von Matt, werden hier fundamentale Fragen der gesellschaftlichen Ordnung diskutiert. Ein zentrale Rechtfertigung dieses Verfahrens liegt wohl in der Feststellung von W. E. Yates, dass Schnitzler mit großen Begriffen äußerst sparsam umging. So hat er beispielsweise die dem Wien der letzten Jahrhundertwende unterstellte Sprachkrise keineswegs forciert, sondern war eher um die Formulierung einer Moral in der Handhabung der Sprache bemüht. Gerade die "zähe Bescheidenheit" seiner Aussage, so Martin Swales, stelle "sowohl in künstlerischer als auch in menschlicher Hinsicht eine immense Leistung" dar.

Hier sei nur auf zwei Frageblöcke eingegangen, welche die Schnitzler-Forschung seit Jahrzehnten beschäftigen. Wie verhielten sich Schnitzler und die Psychoanalyse, eines der zentralen Ordnungssysteme der westlichen Moderne, zueinander? Die Germanistik - so eine kritische Feststellung von Michael Worbs - hätte die "Doppelgänger-Metapher" aus Freuds berühmten Geburtstagsschreiben zum 60. Geburtstag Schnitzlers überstrapaziert. Tatsächlich sei, wenn man die Vorgeschichte rekonstruiert, dieses vermeintliche Selbstbild Freuds wohl für dessen Anhänger recht überraschend aufgetaucht - Freud spricht hier weniger über die Analyse, die in ihren Fallschilderungen zwar Personen auftreten lässt, deren Pathologie manchmal eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Schnitzlerschen Figuren hat, mit denen Freud aber als Arzt anders umgeht, als der denkende Dichter Schnitzler. Freud, so Worbs, diskutiert in seinem Brief weniger die Analyse sondern - an Hand des im Wiener Fin de siècle häufigen Doppelgängermotivs - eigene, nicht genützte Lebensoptionen. Horst Thomé ergänzt diese These: obwohl die beiden studierten Mediziner von ähnlichen wissenschaftsgeschichtlichen Voraussetzungen ausgingen, hätten sie doch völlig unterschiedliche Vorstellungen davon gehabt, welche Segmente des Seelenlebens einer systematischen Beobachtung zugänglich seien. Bei Schnitzler gehe es weniger um die Deutung des tiefen Unbewussten, sondern um verhaltenssteuernde Mechanismen, soziales Rollenverhalten etwa, das an der Schwelle des Bewusstseins lokalisiert ist. Freud hingegen benötigte das umwegige Instrument der Deutung, weil der Ausdruck des Unbewussten bei ihm durch eine Vielzahl von Instanzen entstellt ist. Michael Rohrwasser beschreibt, einer gelegentlichen Äußerung von Hermann Bahr über die "vehemente Beeinflussung der Weltliteratur durch Freud" folgend, den allmählichen Verfall der Scheidelinie zwischen der Analyse mit ihrem Wissenschaftsanspruch und der Literatur - seine Überlegungen enden allerdings lange vor der großen Konjunktur dieses Einflusses ab den zwanziger Jahren und der Konjunktur Freuds in der Populärkultur.

Die zweite mit einer angedeuteten Systematik diskutierte Frage liegt in der Stellung Schnitzlers zum Judentum. Norbert Abels zeigt in seinem Vortrag über die Dialektik des Ressentiments im "Professor Bernhardi" präzise, wie brüchig die scheinbare Sekurität der assimilierten Juden schon vor 1914 war. Er parallelisiert die Figur des Alfred Dreyfus mit der des Professor Bernhardi, stellt die Frage, was wohl aus dem realen Dreyfus geworden wäre, wenn er den Einmarsch der Deutschen in Paris erlebt hätte und lädt uns damit zur Spekulation nach dem Schicksal des fiktiven Bernhardi (und auch seines Schöpfers!) im Wien des Jahres 1938 ein. Der Antisemitismus war für die Betroffenen abgesehen von einer potentiellen Gefahr eine immerwährende narzisstische Kränkung, die viele assimilierte Juden ignorierten - Schnitzler gehörte nicht dazu. Jacques LeRider zeigt, dass Schnitzler - der davon ausging, dass das Wesen Österreichs unter den Juden präsenter sei als in den deutschstämmigen Bevölkerungsgruppen - im Verlauf des Ersten Weltkrieges an einer Identitätskrise laborierte, die - das belegt die Autobiographie - seine Einstellung zu Österreich fundamental änderte. Seine Haltung zu Theodor Herzl, so Bettina Riedmann, war allerdings dennoch kritisch: er zweifelte an der Echtheit von Herzls Vorstellungen genauso, wie er ehedem den Dramatiker Herzl für "kalt" gehalten hatte.

Zahlreiche Publikationen, die einen derartigen Kongress dokumentieren, legen Zeugnis davon ab, wie schwierig es ist, ein solches Unternehmen zu "komponieren": da stehen zahlreiche Texte unvermittelt nebeneinander, manche Vortragende recyceln alte Texte, manche widmen sich hochspezialisierten Fragestellungen und der Leser fragt sich, ob die Vortragenden überhaupt Anlass zur Diskussion hatten. Das gilt ausdrücklich nicht für diesen Band - hier findet in mehreren Bereichen eine Diskussion zwischen den BeiträgerInnen statt und der auf Schnitzler nicht spezialisierte Leser wird in den hier nicht kommentierten Beiträgen mit zahlreichen neuen Perspektiven und Informationen konfrontiert, die einen zu einer Neulektüre Schnitzlers einladen.

Alfred Pfabigan
30. Dezember 2003

Originalbeitrag

 

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