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Rudolf Freiburg u. a. (Hrsg.): Kultbücher.

Hrsg: Rudolf Freiburg, Markus May, Roland Spiller.
In Zusammenarbeit mit Katharina Lampe.
Würzburg: Königshausen und Neumann, 2004.
16, 237 S.; brosch.; Euro 34,80.
ISBN 3-8260-2678-0.

Buchmenschen können sich selten eine gewisse Häme verkneifen, wenn das nächste Kultbuch am PR-Horizont der Verlage auftaucht oder - wie im Falle Harry Potter - post festum ein Publikumsrenner das Ettikett verpasst bekommt. Solch kassenschlagende Argumente gegen alle Verkündigungen vom Untergang der Gutenberg-Glaxis sind einfach zu schön.

Es war wohl auch das Phänomen Harry Potter - Dieter Petzolds Beitrag dazu ist strategisch als Schlusspunkt des Bandes gesetzt -, das an der Universität Erlangen im Wintersemester 2002/03 den Anstoß gab für eine Ringvorlesung zum Thema Kultbücher, deren Beiträge nun in einem wie immer gediegenen Band bei Königshausen und Neumann vorliegt.

Wie nicht anders zu erwarten beginnt das ganze mit einer Einleitung, die eine Begriffsklärung versucht - kein leichtes Unterfangen angesichts der inflationären Verwendung des Begriffs in der Klappentextprosa, die eine breite Spur der Begriffsverwüstung im Internet hinter sich herzieht. Da gilt es zunächst das Kultbuch vom Verkaufserfolg reinlich zu scheiden: Es muss keineswegs ein Bestseller sein, auch wenn diese "Maßeinheit" die Buchwelt heute zu regieren scheint. Kultbücher sind ein Phänomen der Rezeption und marktstrategisch allenfalls förder- aber keineswegs planbar. Kultbücher polarisieren, weil sie in irgendeiner Weise den Nerv der Zeit treffen, sie haben also ihre Zeit und damit auch ihr Verfallsdatum. Der Kultbuchstatus fällt meist nur in eine bestimmte Periode der Rezeption, die im Bezug auf das Erscheinungsdatum auch erst stark zeitverschoben einsetzen kann.

Man sieht, es sind letztlich Umzingelungsversuche, mit denen die Herausgeber den Begriff zu fassen versuchen, eine Klärung liefert der Band nicht. Es ist vielmehr so, dass die 14 Beiträge des Bandes von äußerst verschiedenen Ansätzen ausgehen. Die spritzigste Definition liefert Holger Helbig: "Kultbücher sind das Gegenstück zur Sekundärliteratur. Man muß niemanden überreden, sie zu lesen." (S. 77) Sein Beitrag über das Kultbuch-Recycling in Ulrich Plenzdorfs Kultbuch "Die neuen Leiden des jungen W." ist überhaupt einer von den dichtesten und originellsten des Bandes, etwa wenn er das Werther-Fieber von anno dazumal mit den Merchandising-Kampagnen von heute zusammenliest.

Eröffnet wird der Band mit Martin Nicols Beitrag über die Bibel als KULTbuch, das im Mittelpunkt religiöser Kulte steht, mit der radikalsten Hermeneutik im Judentum: in der Diaspora tritt das Buch der Bücher an die Stelle des zerstörten Tempels. Wenn Claudia Ott für den arabischen Raum nicht den Koran, sondern die Erzählungen aus "Tausendundeiner Nacht" herausgreift, kann das nicht ganz überzeugen. Die hier zusätzlich eingeführten Kriterien für das Kultbuch: Ein Buch,"das man gelesen haben muß" und "ein Buch, dessen Titel jeder kennt", gehen doch von einem sehr eurozentristischen Blick auf die Kultur des arabischen Raums aus, zumal die Wurzeln dieses Buches eindeutig indische sind.

Gunnar Och verfolgt ausgehend von Rilkes "Cornet" und Goethes "Werther" das Echo von Kultbüchern in anderen Texten, das sich zu den bekannten Buch-im-Buch-Ketten fügt: Klopstock gelesen von Werther gelesen von Anton Reiser gelesen von - nein, bis zu Peter Handke reicht Gunnar Ochs Blick nicht. Interessant ist Titus Heydenreichs Versuch, Gabriel Gracia Marquez' Roman "Hundert Jahre Einsamkeit" als Kultbuch der studentischen Dritte-Welt-Bewegung zu lesen.

Als einziges Theoriewerk findet Hans Blumenbergs "Arbeit am Mythos" Aufnahme, was eine eher willkürliche Wahl scheint. Weshalb gerade und nur Blumenberg? Und wenn Blumenberg, weshalb nicht "Die Lesbarkeit der Welt", ein Buch, das in den beginnenden Debatten um Buch und Lesen und Neue Medien mindestens gleich intensiv diskutiert wurde? Bei Theoriebüchern ist Kultstatus wohl nur im Maßstab der intellektuellen Sogwirkung festzumachen, und da ergäbe eine Sammlung mit ausgewählten Beispielen weniger einen Beitrag zum Thema Kultbuch denn zur Mentalitäts- und Wissenschaftsgeschichte des gewählten Zeitraums - ein durchaus lohnendes Unternehmen.

Einige Beiträge beschäftigen sich dezidiert nicht mit dem Thema Kultbuch, sondern mit einer Kultfigur wie Wedekinds Lulu (Christine Ivanovic), einem zeitgeistigen Thema wie das Projekt der "Entschleunigung" (Theo Elm), der Renaissance einer Autorin als Folge von Film- und Fernsehadaptionen am Beispiel von Jane Austen in den 1990er Jahren (Doris Feldmann), einer nationalen literarischen Identifikationsfigur wie der polnischen Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska (Elisabeth von Erdmann) oder mit einem Erfolgsfilm, dem ein Buch zugrunde liegt wie Richard Fords "Independence Day" (Helmbrecht Breinig). Vielleicht wollten die Herausgeber damit eine Art Öffnung der Diskussionsebenen erreichen, doch scheint der Verlust an Stringenz größer als der Zugewinn an Aspekten. Gerade wenn man sich auf die Vermischung von Filmerfolgen mit dem Thema Kultbuch einlässt, müßte dem eine umfängliche Analyse der differenten Rezeptionshorizonte und Vermarktungsschienen vorausgehen. Daraus könnten dann tatsächlich neue Argumente für eine Begriffsklärung ableitbar werden.

Was der Band auch sehr gut zeigt, ist die allzugroße Unschärfe und Beliebigkeit der Auswahl, je näher die "Kultbücher" unserer Gegenwart sind. Wenn einige der Autoren des Buches Frank Schäfers 2000 erschienenem Band "Kultbücher" zu recht ein zu grobmaschiges Netz vorwerfen, so trifft das genauso auf die Wahl von Irvine Welshs "Trainspotting" aus dem Jahr 1993 (Rudolf Freiburg) oder Michel Houellebecq (Roland Spiller) zu. Vielleicht lässt die allzu große Nähe eine finale Unterscheidung zwischen PR-Hype, Bestseller und Kultbuch einfach nicht zu. Und vielleicht verstellt mancher aktuelle Hype den Blick auf Fallbeispiele aus der Vergangenheit. Damit meine ich nicht nur Bücher wie Hermann Hesses "Steppenwolf" oder "Siddharta", sondern auch eine vergleichende Zusammenschau etwa von Harry Potter und Winnetou. Auch für Karl May-Leser galt: man kennt alle Figuren und ihre Sprüche, sammelt ihre Bilder, tauscht sich in entsprechenden Fan-Kreisen darüber aus usw. Natürlich fehlte damals die Unterstützung durch die massive Vermarktungsindustrie und die chatrooms waren nicht virtuell, sondern recht banal die Klassenzimmer und Spielplätze. Wie Holger Helbigs Beitrag zu Ulrich Plenzdorf zeigt, ist die verfremdende Zusammenschau scheinbar unvergleichlich weit auseinanderliegender Phänomene oft äußerst produktiv, um Analogien wie Differenzen besser zu fassen.

Evelyne Polt-Heinzl
31. August 2004

Originalbeitrag

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