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Zlata Fuss Phillips: German Children's and Youth Literature in Exile.

Biographies and Bibliographies.
München: Saur Verlag, 2001.
318 S.; geb.; m. Abb.; EUR 110,-.
ISBN 3-598-11569-5.

In der Wissenschaft wie am Buchmarkt gilt das Kinder- und Jugendbuch als "Sonderliteratur" und Nebenschauplatz, nicht anders die Literatur des Exils. Kinder- und Jugendbuchautoren des Exils laufen demzufolge Gefahr, zweifach marginalisiert und doppelt übersehen zu werden, und dies ist bis in die achtziger Jahre auch weidlich geschehen.
Bereits 1948 hatte F. C. Weiskopf, Ehemann der Kinderbuchautorin Alex Wedding und nach 1945 selbst mit Jugendbüchern hervorgetreten, in seinem Abriß zur deutschsprachigen Exilliteratur "Unter fremden Himmeln" auf die Existenz einer Kinder- und Jugendliteratur im Exil hingewiesen, ein Überblick (von Thomas Hansen) erschien aber erst 1985, die erste Dissertation (über Ruth Rewald) 1990. Ab Mitte der neunziger Jahre wurden in Leipzig und Wien die ersten Ausstellungen zum Thema erarbeitet, in der Folge die ersten Tagungen.

Mit Zlata Fuss Phillips' Buch liegt das Ergebnis von mehr als zehnjähriger aufwendiger Recherche der Wissenschaftlerin aus Albany, New York, vor: 101 deutschsprachige KinderbuchautorInnen und -illustratorInnen des Exils umfaßt ihre Sammlung, deren Werke sie in Originalausgaben und Neuauflagen, Sonderausgaben und Übersetzungen dokumentiert. Durch die Begrenzung auf die Ersterscheinungsjahre 1933 bis 1950 fokussiert sie sinnvoll auf die engere Exilzeit und kann Produktion wie Rezeption umso triftiger beschreiben. Der Nachteil: Autoren, die mit Kinderbüchern hauptsächlich nach 1950 hervorgetreten sind, kommen nur mit einem schmalen Ausschnitt ihres Werks oder gar nicht vor, so der in den 50er Jahren sehr produktive Journalist und Kritiker Friedrich Feld oder Eduard Klein, der 1953 aus dem chilenischen Exil nach Ostberlin zurückkehrte und mit seinen sozialkritischen Abenteuerromanen vor lateinamerikanischer Kulisse zu einem populären DDR-Kinderbuchautor wurde. Das trifft auch für die junge Generation der Vertriebenen zu, die erst im Gastland als Kinder- und Jugendbuchautoren und -illustratoren kreativ wurden, wie die Erzählerinnen Lore Segal und Doris Orgel in den USA - beide verarbeiten autobiografische Momente von Flucht und Vertreibung - oder der Grafiker Shemuel Katz in Israel.

Von der nüchternen Genrebezeichnung Bibliografie lasse man sich nicht davon ablenken, das Buch auch als spannende Kollektivbiografie zu lesen. Neben bekannten Namen wie Felix Salten, Walter Trier oder Lisa Tetzner beeindruckt die Fülle der vergessenen und unbekannten Künstler und ihrer Lebenswege, die Zlata Fuss Phillipps akribisch recherchiert hat, darunter etliche auch für Spezialisten unbekannte (vor allem Illustratoren) wie der aus Berlin gebürtige, in die USA emigrierte Maler Rafaello Busoni (64 Einträge), der Prager Kurt Plowitz oder der Wiener Designer und Innenarchitekt William Wiesner. Zum Berufsbild: 50 Prozent der Künstler dieses Bandes sind AutorInnen, ein Viertel IllustratorInnern, ein weiteres Viertel Doppelbegabungen. Mehr als die Hälfte hatte schon vor 1933 publiziert (Kurt Held, Oswald Dutch, Hertha Pauli), aber meist keine Kinder- und Jugendbücher (wie Hermynia Zur Mühlen, Felix Salten, Walter Trier). Grafiker und Maler hatten in den Gastländern meist größere Chancen, in ihrem Bereich weiterzuarbeiten (z. B. Bettina Ehrlich). 40 Prozent der KünstlerInnen emigrierten in die USA, 20 Prozent nach Großbritannien, der Rest ins übrige Europa, nach Israel und Lateinamerika. Nur ein Fünftel kehrte nach dem Krieg nach Deutschland und Österreich zurück. Mit wenigen Ausnahmen (Verlagsgenossenschaft ausländischer Arbeiter, Allert de Lange oder Free Austrian Books) hatten die bekannten Exilverlage kaum Kinder- und Jugendbücher im Programm, die Autoren veröffentlichten in den Kinderbuchverlagen ihrer Gastländer - der Schweizer Verlag Sauerländer etwa publizierte die meisten der hier bibliografierten Titel.

In der Kinder- und Jugendliteratur des Exils finden sich alle Genres vom Bilderbuch bis zum Märchen, vom Sachbuch bis zum historischen Roman, von der Detektivgeschichte bis zur Lyrik. Auffällig ist die große Zahl von Texten, die sich auf die deutschsprachige kulturelle Tradition beziehen. Eine vergleichende Studie zu den Ausgaben von Grimms Märchen auf der Basis der hier ermittelten Veröffentlichungen wäre sicher lohnend. Bei den Illustrationen sind vor allem die innovativen Techniken von Eleska mit ihren Stoffbüchern für Kleinkinder und von Amalia Serkin mit ihren fotografierten Puppenensembles hervorzuheben. Die Anforderungen, die die unübersichtliche Verlagsgeschichte der Exilliteratur stellt, meistert die Autorin auf hohem Standard: Über 90 Prozent der Titel wurden von Zlata Fuss Phillips autopsiert, sie kommentiert mit Inhaltsangabe, Art der Illustration und weist je einen Standort eines Buchs in einer privaten oder öffentlichen Sammlung weltweit nach.

Schade, daß eine Publikation zu einem Thema, bei dem es so viel zum Schauen gäbe, ohne Illustrationen auskommen muß. Einziger Buchschmuck ist das Vorsatzpapier aus einer Fotocollage der Künstlerporträts, konzipiert von der 1917 in Wien geborenen, in New York lebenden Grafikerin Erika Weihs. Dieses Handbuch ist ungeachtet dessen ein kostbares Stück, nicht zuletzt wegen des stattlichen Preises von 110 Euro. Kinder-und Jugendliteratur des Exils ist, wie gesagt, keine Massenware.

 

Ursula Seeber
20. Februar 2002

Originalbeitrag

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