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Johannes Feichtinger: Wissenschaft zwischen den Kulturen.

Österreichische Hochschullehrer in der Emigration 1933 - 1945.
Frankfurt/New York: Campus Verlag, 2001.
(= Campus Forschung. 816) 502 S., brosch., ÖS 715.-.

Johannes Feichtinger hat sich mit seiner komplexen, vergleichenden Studie über Emigrationsverläufe österreichischer Emigranten von 1933 bis 1945 nach Großbritannien und in die USA eine ambitionierte Aufgabe gestellt. Nach einer zusammenfassenden Darstellung über den Stand der Emigrationsforschung macht Feichtinger gleich zu Beginn seine Intentionen explizit: er erteilt dem vorherrschenden Diskurs, die Rolle von WissenschafterInnen als simple Gewinn- und Verlust-Rechnungen zu bewerten, eine Absage. Ebenso wenig seien Migrationen als linearer Transfer von einem Milieu in ein anderes zu verstehen, sie schlössen Veränderungen der emigrierten Personen und der Wissenschaftskulturen des Aufnahmelandes ein.

Wie Karriereverläufe sich gestalteten, welche "Motoren" und Mechanismen sie beeinflussten, untersuchte Feichtinger anhand der Fachdisziplinen Jurisprudenz, Staats- und Sozialwissenschaft, Kunstgeschichte und Nationalökonomie. Für seine Hypothese ist die Situation intellektueller Milieus im Österreich der dreißiger Jahre entscheidend, weshalb er sein erstes Eckdatum bereits mit 1933 festlegt, obwohl das Leben jüdischer Österreicher bis 1938 meist nicht unmittelbar bedroht war. Da die zunehmend antisemitische Politik an Österreichs Universitäten die Karrieren von angehenden jüdischen Wissenschaftern verhinderte, waren diese gezwungen, ihr wissenschaftliches Kapital im außeruniversitären Feld zu erwirtschaften. Die Etablierung auf den diesen akademischen Plattformen förderte Kreativität und Flexibilität im Weben von Netzwerken und Entwickeln neuer Forschungszweige, sie schärfte den Blick für "disparate Sichtweisen"(S. 13). Disziplinen wie die Psychoanalyse, die Sozialwissenschaften, moderne Ansätze in den Kunstwissenschaften sowie die Konjunkturforschung entfalteten sich außeruniversitär und bildeten neue Eliten aus. Das Österreichische Institut für Konjunkturforschung, die erste europäische Einrichtung, der Gelder der Rockefeller-Stiftung zuflossen, sollte sich als Karriere-Sprungbrett erweisen. Diese in Österreich gezwungenermaßen geübte Mobilität, die erworbenen psychischen, sozialen und kognitiven Fähigkeiten seien - nach den Analysen Feichtingers - den "marginal men" (Robert Park) später im Aufnahmeland auch zugute gekommen. Durch zahlreiche Beispiele vermag der Autor seine Annahmen plausibel darzulegen. Nur gelegentlich lassen die Ausführungen den Eindruck einer gewissen Idealisierung dieser Milieus aufkommen. Die Behauptung, die von den Universitäten ausgeschlossenen jungen Wissenschafter hätten stärkere Bereitschaft zu wechselseitiger Kritik gezeigt und besser zusammengearbeitet, wäre kritischer zu hinterfragen.

. Der erste Teil des Bandes ist einem Überblick über die britische Asyl- und Einwanderungspolitik sowie der Darstellung der verschiedenen Akademiker-Hilfsorganisationen in Großbritannien und den USA gewidmet: nicht nur der "Society for the Protection of Science and Learning" mit Sitz in London und dem "Emergency Committee in Aid of Foreign Scholars" in New York kam besondere Bedeutung zu, sondern auch der Rockefeller-Foundation. Die finanzkräftigste unter den Akademikerhilfsorganisationen brachte in den USA mehr als die Hälfte der dafür ausgegebenen Gelder aus einer durchaus utilitaristischen Grundhaltung auf (S. 128, S. 210). Sie trug entscheidend zur Förderung der Social Sciences in den Vereinigten Staaten bei. Die österreichischen Konjunkturforscher übten auch wissenschaftspolitische Funktionen - als Kontrapunkt zur interventionistischen New-Deal-Politik aus. Briefwechsel, die im Rahmen der zahlreichen Hilfsorganisationen geführt wurden, bildeten auch eine wesentliche Quellenbasis für Feichtingers Studie. Neben den insitutionalisierten spielten auch private Netzwerke eine Rolle. Einige - wie der kammermusikalische Zirkel der Wiener Familie Schiff oder der "Geist-Kreis" von Friedrich August Hayek - hatten sich als konkurrenzierende, weltanschaulich divergierende Netzwerke im Österreich der dreißiger Jahre konstituiert; solche Kontaktgeflechte wurden auch in die Aufnahmeländer transferiert. Die Funktion des Wirtschaftswissenschafters Hayek als "Gate keeper", der Karrieren nicht nur förderte, sondern auch zu behindern vermochte, gibt ein eindrucksvolles Beispiel für die Macht von Selektoren. Der bereits seit Anfang der dreißiger Jahre in Großbritannien lebende Wissenschafter hatte zu Ostern 1938 eine Fact-Finding Mission nach Wien durchgeführt und danach eine Liste förderungswürdiger, herausragender Ökonomen, Juristen und Sozialwissenschafter erstellt. Diejenigen, die dem wirtschaftsliberalen Milieu nicht angepasst waren, ließ er mehr oder minder bewusst ausser acht. Die Unterstützung des betagten Richard Schüller basiert auf Hayeks Interventionen. Auch die Schüler von Ludwig von Mises profitierten später oftmals von der Treue zu ihrem Lehrer. Nicht nur die Auffassungen individueller Selektoren waren ausschlaggebend, sondern auch das Universitätssystem in Aufnahmestaaten. So blockierte Großbritannien etwa bewusst marxistisch argumentierende Denker.

Die Verdrängung von traditionellen universitären Karrieren in der Heimat und der erzwungene Ortswechsel mussten, wie Feichtinger darlegt, nicht nur den Verlust wissenschaftlicher Produktivität und Erschwernis durch Berufswechsel bedeuten, sondern konnten auch Chancen auf eine Universitätslaufbahn eröffnen, die im Heimatland verwehrt geblieben waren. Drei Faktoren waren für die wissenschaftliche Integration ins Aufnahmeland bestimmend: erstens individuelle Merkmale (Disziplinzugehörigkeit, Religion, sozialer Umgang etc.), zweitens soziale und wissenschaftliche Netzwerke, drittens die soziokulturelle Konfiguration des Aufnahmelandes und seiner akademischen Schicht. Die Beschreibungen zahlreicher Karrieren, ihrer Kontinuitäten und Brüche belegten, dass in gewissen Disziplinen außeruniversitär sozialisierte Wissenschafter aufgrund ihrer geistigen Mobilität sogar häufiger als Hochschullehrer akademische Karrieren machten und rasch "schöpferische Nischen" in ihren wissenschaftlichen Feldern fanden, die sie herausragen ließen. Während die Politik- und Staatswissenschafter sich vor allem in den USA entfalten konnten, fanden die Kunsthistoriker in Großbritannien innovative Milieus vor.

Feichtingers Studie besticht durch eine überaus große Fülle an Individualbiographien, die umfangreiche Archivrecherchen verrät. Sie werden nicht aneinandergereiht, sondern in ihrer Funktion als Akulturationsprozesse dargestellt und in die jeweiligen Kontexte eingebettet. Gelegentlich läuft man jedoch Gefahr, sich in der Fülle von Geschichten zu verlieren. Denn die durchaus bemerkenswerten und nicht leicht einlösbaren Bemühungen, mehrere Perspektiven zu vereinen, zum einen die (wissenschafts-)kulturhistorische und disziplingeschichtliche, zum anderen die individual- und kollektivbiographische, und dabei permanent deren Komplexität und Einzigartigkeit vor Augen zu führen, führt manchmal zu Mehrfachbeschreibungen und Wiederholungen derselben biographischen Details in verschiedenen Kapiteln. Gelegentlich ist auch die Kapitelstruktur nicht ganz nachvollziehbar. Durchaus wichtige Anmerkungen im Kapitel IV (Jude-Sein ohne Belang?) werden am Ende von Kapitel V wiederholt. Darin weist Feichtinger auf die Praxis von Hilfsorganisationen hin, die Kategorisierungen des NS-Regimes in "jüdisch" und "arisch" zu übernehmen und damit auch von außen Bezüge zum Judentum zu konstruieren, die dessen Selbstsicht nicht immer entsprachen (S. 136).

Diese Kritikpunkte sollen die innovativen Leistungen des Buches nicht schmälern. Johannes Feichtinger hat mit dieser Studie nicht nur eine bemerkenswerte Fülle individual- und kollektivbiographischer Daten erarbeitet und die Bedeutung von Netzwerken dargelegt, er hat mit seine Erarbeitung außeruniversitärer Karrieren auch einen neuen Ansatz zu bieten, der über den österreich-bezogenen Kontext hinaus für zahlreiche weitere Studien anregend sein kann und zu Diskussionen beitragen wird.

 

Ursula Prutsch
11. März 2002

Originalbeitrag

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