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H. G. Adler: Eine Reise.

Roman.
Mit einem Nachwort von Jeremy Adler.
Wien: Zsolnay, 1999.
315 S., geb.; öS 291.-.
ISBN 3-552-04929-0.

Link zur Leseprobe

H. G. Adler begibt sich in seinem Roman auf einen leidvollen Weg. "Eine Reise" ist der Versuch, den Holocaust zu vergegenwärtigen. Das Erinnern, dem wir auf seinen verschlungenen Pfaden folgen, wird zur Suche nach einem möglichen Sinn.
Mit der Ausweglosigkeit, diesen zu finden, beginnt der Roman: "Niemand hat euch gefragt, es wurde bestimmt. Man hat euch zusammengetrieben und keine lieben Worte gesagt. Viele von euch haben versucht, einen Sinn zu finden, so wart ihr es selbst, die fragen wollten. Doch es war keiner da, der geantwortet hätte."

Der Holocaust wird für den 1910 in Prag geborenen und 1947 nach London emigrierten (dort 1988 verstorbenen) deutschsprachigen Juden H. G. Adler zum zentralen Thema seiner wissenschaftlichen wie literarischen Auseinandersetzung. Über diese Ereignisse zu sprechen und zu schreiben - und damit über sich selbst, sich zum eigenen "Werk" zu machen - bedeutet für ihn die Grundvoraussetzung für eine neue Welt. Der Roman ist auch ein Beitrag zur Frage, ob und wie Überlebende der Judenvernichtung sich öffentlich machen und das eigene Leiden mitteilen sollen. Oft genug wurden diese Versuche zurückgewiesen, wie das Beispiel H. G. Adler zeigt. "Eine Reise" erschien zum ersten Mal 1962 in Deutschland. Der Roman fand kein Interesse in der Öffentlichkeit - die breite Anerkennung als Schriftsteller und Lyriker bleibt dem Soziologen, Historiker und Philosophen zeitlebens versagt. Aber eine Art von Besessenheit und "Unersättlichkeit, die nur wieder wir selber sind", bringt den Autor, wie er bekennt, immer wieder dazu, sich zu erinnern und zu schreiben.

H. G. Adler hat einen Text geschaffen, der sich einer oberflächlichen Lektüre verweigert. Erst nach und nach erschließt er sich über mehrere Ebenen. Da ist zum einen die Erzählung über die Familie Lustig, die deportiert wird, einzelne Familienmitglieder werden ausgelöscht, wenige überleben. Der Leser begleitet die einzelnen Familienmitglieder auf verschiedenen Stationen ihres Lebenswegs. Der labyrinthische Weg der Reise endet aber immer tragisch. Dr. Leopold Lustig, der Arzt, will die Realität der Ausrottung der Juden nicht wahrhaben und verschließt sich selbst noch im Lager dieser Erkenntnis.
Zum anderen bestimmt die philosophisch-abstrakte Ebene den Roman: Reflexionen über Unmenschlichkeit, Verzweiflung, Einsamkeit, das Terrorsystem, die Würde des Menschen durchziehen den Text. Die Menschen sind Geister geworden, sind namenlos - sind "ehemalige Menschen". Der Erzähler gibt keine Auskunft über die nationale und religiöse Zugehörigkeit der Porträtierten, diese Zuschreibungen bleiben unbenannt und erwecken so den Eindruck von Anonymität. Damit wird auch die Monströsität der nationalsozialistischen Ideologie, die sich ja gerade auf diese Zuschreibungen und Diskreditierungen, auf das Herausgreifen bestimmter Gruppen, stützt, herausgestrichen. Die Absurdität und Unmenschlichkeit wird nicht begreifbarer, nur größer.

Eine Reise in die Erinnerung und eine durch die Erinnerung: Das Denken an die grausamen Ereignisse während der NS-Herrschaft bleibt ständig in Bewegung und findet nur in der Bewegung zur Ruhe. Wohin die Bewegung führt, läßt der Autor offen. Ein Urteil über Fortschritte will er sich nicht anmaßen. "Doch weil wir die Augen offen halten und nicht nur leiden, sondern uns auch beteiligen, so lasset uns diesem erinnerungsvollen Wandel den einzig geziemlichen Namen geben - die Reise."
Der Neuauflage im Zsolnay Verlag ist es zu verdanken, einen fast vergessenen Schriftsteller zu entdecken.

Ivette Löcker
19. Mai 1

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