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Konstanze Fliedl: Arthur Schnitzler.

Poetik der Erinnerung.
Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 1997.
(Literatur in der Geschichte. Geschichte in der Literatur. 42).
567 S., geb.; öS 686.-.
ISBN 3-205-98779-9.

Julian: Warum sprichst du wieder von all diesen vergessenen -
Irene: Vergessenen?
Julian: - Vergangenen Dingen?
Irene: Vergangen sind sie freilich.

In wenigen Worten, die mehr verschweigen als aussprechen, umreißt der Dialog aus dem Drama "Der einsame Weg" eine Grundkonstellation von Arthur Schnitzlers Kunst. Immer wieder konfrontierte er den Aktualitätsmenschen, der wie Julian alles Vergangene auch für vergessen hält, mit ernsteren Gegenspielern wie Irene. Sie machen darauf aufmerksam, daß man die Vergangenheit nicht leichtfertig abtun kann - oder genauer gesagt: Daß man es sehr wohl kann, aber, solange es nach dem Willen Schnitzlers geht, nicht darf. Denn mit der Fähigkeit zur Erinnerung schwände auch die Kraft, eine kohärente und konsistente Persönlichkeit auszubilden; die flüchtige Episodenexistenz träte an ihre Stelle. Sie hat Schnitzler - vom "Anatol" bis zum "Reigen" - immer wieder dargestellt, hat aber zugleich auf vielerlei Weise dafür gesorgt, daß damit das letzte Wort über die menschliche Erinnerungsfähigkeit nicht gesprochen war.

Daß die Bemühungen um ein gutes Gedächtnis für Schnitzlers Schreiben von zentraler Bedeutung sind, ist aus Konstanze Fliedls Studie "Poetik der Erinnerung" zu lernen, die bei Böhlau in Wien erschienen ist. Sie zeigt eindringlich, daß allen ästhetischen Konzepten und Verfahren Schnitzlers die Frage zugrundeliegt, wie Erinnerung möglich sei. So entwickelt sich seine Dramaturgie der Geschlechterbeziehungen häufig am Konflikt zwischen Erinnern und Vergessen, wobei nicht ein für allemal feststeht, ob der Mann oder die Frau das bessere Gedächtnis hat. Rhetorisch durchgearbeitete Gedächtnisübung ist auch Schnitzlers Tagebuch, und seine Bedenken gegen die Psychoanalyse entspringen dem Gefühl, das Freudsche Konzept der "Verdrängung" sei eine allzu bequeme Ausflucht ins Unbewußte, entbinde also den Einzelnen von der Aufgabe, sich bewußt zu erinnern. Mit dieser moralisch begründeten Vorstellung einer individuellen Erinnerungspflicht stellt sich Schnitzler in den Schnittpunkt zweier Traditionslinien: Der europäischen Aufklärung, die dem Einzelnen bewußte Handlungen zutraut, aber auch zumutet, und der jüdischen Frömmigkeit, zu deren wesentlichen Elementen die "Ethik des Erinnerns" gehört, wie Konstanze Fliedl ausführt.

Diese Beschäftigung mit Gedächtnis und Erinnerung ist nun kein Privatinteresse Arthur Schnitzlers, und wird von seiner Interpretin auch nicht so aufgefaßt. Sie zeigt vielmehr, daß Vergeßlichkeit und leichtsinniger Umgang mit der Vergangenheit vielen Zeitdiagnostikern der Jahrhundertwende als Symptom jener Krise erschienen, die sich in unterschiedlichen Formen bemerkbar machte: von der "Sprachkrise" bis zum Wertezerfall, von Vermassung und Industrialisierung bis zum Ende der Fähigkeit, Geschichten zu erzählen.

Schnitzler reagierte auf diese allumfassende Krise mit seiner "Gedächtniskunst", die er der Schnellebigkeit der Zeit, der Leichtfertigkeit des menschlichen Zusammenlebens und der Leichtverderblichkeit der literarischen Massenware entgegenzusetzen gedachte. Wie seine Wiener Zeitgenossen auf dieselben Phänomene reagierten, wird von Konstanze Fliedl in Parallelkapiteln zu Hugo von Hofmannsthal, Richard Beer-Hofmann, Hermann Bahr u. a. dargestellt.

Daß Schnitzlers Sorge um den Gedächtnisverlust nur zu begründet war, geht spätestens aus dem letzten Kapitel hervor. Dort steht zu lesen, daß die germanistische Forschung schon zu Schnitzlers Lebzeiten begann, seine Gedächtniskunst - eben nicht bewußtlos zu verdrängen, sondern planmäßig zu vergessen. Daß dabei - vor allem bei Josef Nadler - antisemitische Motive im Spiele waren, ist nicht zu verkennen, bestätigt aber zugleich in aller Ernsthaftigkeit die ungünstigen Prognosen, die Schnitzler in seinem "Professor Bernhardi" dem assimilierten Judentum noch in Form einer Komödie ausstellte.

Damit ist der Rahmen ungefähr abgesteckt, in dem sich Konstanze Fliedls Darstellung entfaltet. Das Bild, das sich dabei allmählich verfertigt, fällt jedoch viel zu nuanciert aus, als daß es eine kurze Zusammenfassung nachzeichnen könnte. Und so bleibt als Fazit nur zu sagen: In ihrem umfangreichen, aber sehr angenehm zu lesenden Buch hat Konstanze Fliedl eine überaus schlüssige Interpretation von Schnitzlers gesamtem Werk gegeben und darüber hinaus reichhaltigstes Wissen über den historischen und literarhistorischen Kontext zur Verfügung gestellt. Auch ihr Buch ist also ein wirksames Gegengift gegen den nach wie vor grassierenden Gedächtnisschwund, vorausgesetzt, es findet die Leser, die man ihm unbedingt wünschen möchte.

Hermann Schlösser
20. Jänner 1998

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