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Bernhard Fetz, Klaus Kastberger (Hrsg.): Der literarische Einfall.

Über das Entstehen von Texten.
Wien: Zsolnay, 1998.
(Profile. Magazin des österreichischen Literaturarchivs 1/1998).
208 S., m. Abb., brosch.; öS 197.-.
ISBN 3-552-04893-6.

Der Umgang mit literarischen Texten dürfte zumeist durch den zwangsläufigen Griff zu Reclam- und anderen Taschenbuchausgaben, mithin 'geglätteten' Texten, bestimmt sein. Eine Steigerungsstufe könnten Kritische Ausgaben darstellen, die sich zumeist immer noch durch einen relativ hohen Grad an Lesbarkeit auszeichnen. Als Gipfel- wie Endpunkt sind dann wohl Historisch-Kritische Ausgaben anzusetzen. In diesem (nicht ganz zu Unrecht) vor allem von Germanisten aufgebauten Spannungsfeld sind die Prioritäten der meisten Lesenden klar gesetzt. Die Komplexität eines dem Original adäquaten Umgangs - sowie die Faszination des Einblicks in Manu- und Typoskripte (vielleicht auch abseits auratisch bestimmter Befindlichkeiten) - ist nur schwer zu vermitteln. Hinzu kommt, daß im Zeitalter der neuen Medien, des Computers, das Verfassen handschriftlicher Texte eine beinahe archaische Note erhält, der Gebrauch der Schreibmaschine und das Korrigieren am Blatt vielen antiquiert erscheint. Diesen Brückenschlag fachlich einwandfrei zu bewerkstelligen und rezipientenadäquat zu offerieren, hat sich die neu initiierte Reihe "Profile" des noch relativ jungen Österreichischen Literaturarchivs zum Ziel gesetzt, deren erster Band nunmehr vorliegt und dem "literarischen Einfall" gewidmet ist (die nächsten beiden Bände werden sich Otto Basil und Hilde Spiel verschreiben).

Wie hat man sich das vorzustellen: den Einfall, die Idee, den "göttlichen Funken"? Wodurch kommt die Initialzündung zustande? Zwei Beispiele für potentielle Assoziationsketten, die zumeist durch ein Nachhallen des Geniegedankens vorgestanzt sind. Die einzelnen BeiträgerInnen streichen demgegenüber jedoch zumeist den Aspekt der Arbeit am Text hervor, die oftmalige Umbesserung, Streichung, den Ersatz; Verbesserungen, die in weiterer Folge oft ebenso an Gültigkeit verlieren und Umarbeitung erfahren.

Oft stehen am Anfang eine oder mehrere Ideen, die kontinuierliche Entwicklungen erfahren. Das Beispiel von Kafka, der eine ganze Nacht hindurch an einer Geschichte schreibt und sie beendet, sobald der Morgen und das Hausmädchen kommen, hat zwar durch häufige Zitation einen hohen Bekanntheitsgrad, doch dürfte das in der relativen Einmaligkeit eines derart dokumentierbaren Ereignisses begründet liegen. Darum geht es nicht.

Hingegen ist mehrfach ist von der zu erweisenden "'Logik des Produziertseins' (Adorno)" die Rede, was auch von den Herausgebern explizit als Vorgabe aufgefaßt wird, die es anhand von Skizzen, Bauplänen, Korrekturfassungen und Notizen im Vergleich zum 'fertigen' Text aufzuweisen, zumindest anzudeuten gelte. (S. 7) Als besonders exemplarisch fallen sogleich die mathematischen Wachstumsreihen eines Konrad Bayer ins Auge, ebenso die Phonemzählungen von Gerhard Rühm - beides textkonstituierende Phänomene, die überdies bildhafte Qualitäten bereithalten.

Andere wiederum haben bestimmte Ideen, seien sie inhaltlicher oder formaler Herkunft, benötigen jedoch erst eine mehr zufällige Koinzidenz, um mit dem eigentlichen Schreibprozeß zu beginnen. So verhält es sich mit Heimito von Doderers "Wasserfällen von Slunj", ähnliches ist bei Michael Köhlmeier und seiner Antikenrezeption anzutreffen. Der Versuch einer Unabhängigkeit gegenüber dem Warten auf den Zufall zeigt sich hingegen bei Bayer, Rühm oder auch Ernst Jandl, die systematisch auf jene "crystallisation des poetischen" (S. 145) hinarbeiten.

Vor allem die Vorstufen des schlußendlich Gedruckten können von größter Bedeutung sein, wie anhand von Gedichten Erich Frieds, Ingeborg Bachmanns oder Friederike Mayröckers nachhaltig gezeigt werden kann. Die Relevanz der Kenntnis von diesen Umarbeitungen dürfte für viele Lesende weitaus schwieriger zugänglich sein, wenn nicht allen Beiträgen die zum Verständnis notwendigen - oft überaus beeindruckenden, aufwendig und qualitätsvoll produzierten - Abbildungen beigefügt worden wären. Bereits ein Blick auf Konstruktionspläne mancher der ausgewählten Autoren (Doderer, Beat Sterchi, Hermann Burger, Friedrich Dürrenmatt) oder die "Zeittrompete" Konrad Bayers decouvriert die Fiktion vom ingeniösen Guß, vermittelt obendrein die Ahnung von einer zusätzlichen, dem Text inhärenten und dem flüchtigen Lesen sich in jedem Fall entziehenden, fast architektonisch zu nennenden Qualität, Ästhetik. Diverse Zeichnungen zumindest doppelt begabter Autoren wie Fritz von Herzmanovsky-Orlando oder Werner Schwab verstärken diesen Eindruck vom mehrfach relevanten Original. Bei Rühm wiederum verschränkt sich dessen musikalische Bildung immer wieder auf das engste mit der Anfertigung des Werks.

Es ist ein Verdienst dieses Bandes, sich dem einmaligen vergnügten Durchgang insofern zu nicht wirklich entziehen, jedoch erst durch eine genaue, vergleichende Lektüre von Text und Bild zusätzliche Qualitäten kenntlich zu machen. Etwa wenn, wie im Fall Jandls, Doderers oder Mayröckers, Erklärungen, Abbildungen und erweiternde Werkzitate, allenfalls Interviewpassagen, ineinander verschränkt werden, so daß eine komplexe Oberfläche auch des kommentierenden Textes entsteht, die als Gesamteindruck zwar ihre Reize haben mag, v. a. aber dem konzentrierten Einlassen auf das Geschriebene sich öffnet. "Am Anfang der schriftstellerischen Arbeit stehen manchmal großformatige und farbige Planskizzen, oftmals auch ganze Baupläne und regelrechte Partituren. [...] Die Originalmaterialien haben durchwegs den Charakter von graphischen oder bildnerischen Arbeiten; es sind 'Textbilder', an denen der konstruktive Aspekt schriftstellerischer Arbeit erkennbar wird." (S. 116)

Hinzu kommt die Auswahl: Die vorgestellten AutorInnen (und es können leider nur Beispiele sein) vertreten teilweise höchst unterschiedliche Schulen bzw. Positionen, wodurch sich in dieser Hinsicht Gegenüberstellungen ergeben. So wie auch bei den Beiträgen selbst.

Beispielsweise findet sich im Falle Sterchis eine kompetente, eher kurz gefaßte Information, während anhand von Reinhard Priessnitz' "in stanzen" philologisch versiert das Herangehen eines Poeta doctus (d. h. in diesem Fall auch Reflexion sprachkritischer Erkenntnisse) an die Gedicht-Produktion dargestellt wird. In beiden Fällen ist die Unterscheidung durch den Gegenstand bedingt und diesem adäquat.

Der "Profile"-Band ist in sieben Abschnitte unterteilt (Der erste Satz, Bildideen, Ur-Szenen: Arbeiten für das Theater, Von guten und schlechten Gedichten, Konstruktion und Kalkül, Schreibanlaß: Politik, Späte Bearbeitungen früher Konzepte) und bietet eine Reihe von Entdeckungsmöglichkeiten, beispielsweise anhand der stringenten Abhandlungen zu Dürrenmatt und Theodor Kramer, oder auch zu dem eher unbekannten Nestroy-Stück "Karrikaturen-Charivari mit Heurathszweck".

Es wird in zweifacher Hinsicht Archäologie betrieben: Einerseits, dem Thema und seinem Material folgend, wird versucht, dem "Einfall" auf die Spur zu kommen. Es wird ihr gefolgt (der Begriff der "Spur" bezeichnet sowohl sprachlich/textuelle als auch visuelle Phänomene), den ausgelegten Fährten nachgegangen, ein quasi archäologisches Graben initiiert nach den verschütteten Hinweisen zum und im (Original-)Text. Andererseits werden unbekannte, vergessene Texte exemplarisch herangezogen bzw. neue Zugänge zu Klassikern (wie Franz Grillparzers "Libussa") eröffnet. Und, wie nebenbei, werden die Schwierigkeiten demonstriert, die den genannten AutorInnen sich in den Weg stellten. Denn, wie Ernst Jandl formulierte: "Ich kann einfach nicht sagen, jetzt möchte ich so etwas machen wie - !" (S. 83)

Peter Plener
15. März 1998

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