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Petra S. Fiero: Schreiben gegen Schweigen.

Grenzerfahrungen in Jean Amérys autobiographischem Werk.
Hildesheim, Zürich, New York: Olms, 1997.
(Haskala. Wissenschaftliche Abhandlungen. 16).
187 S., geb.; DM 49,80.
ISBN 3-487-10242-0.

Als Jean Améry nach 642 Tagen in deutschen Konzentrationslagern von britischen Truppen im Lager Bergen-Belsen befreit wird, ist er von den 25.437 aus Belgien deportierten Juden einer der 615 Überlebenden.

Da Nachkriegseuropa möglichst rasch zur Tagesordnung überzugehen suchte und das Schicksal der Opfer nicht als gesamtgesellschaftlich zu bewältigende Ungeheuerlichkeit betrachtete, blieb das Leben mit der Vergangenheit ein Problem der Opfer - was nicht wenigen von ihnen noch Jahre oder eben auch Jahrzehnte nach der Befreiung das Leben kostete. Jean Améry, geboren als Hans Maier am 13. Oktober 1912 in Wien, ist einer von ihnen, Primo Levi ein anderer. Petra Fieros Studie ist ein ebenso feiner wie eindringlicher Versuch, diesem selten eingestandenen Zusammenhang anhand von Amérys Schriften nachzuspüren, unterlegt mit vergleichenden Lektürebeispielen aus Erinnerungsbüchern anderer NS-Opfer.

Es sind vier Themenkomplexe, die das Schmerzhafte und Unmögliche des (Über)Lebens "danach" sinnfällig machen. Da ist der radikale und plötzliche Verlust der Identität durch den "Zwang zum Judentum" durch die Rassengesetze von 1935. Betraf dieses Moment für alle rein christlich erzogenen Juden wie Améry den Verlust der geistigen Heimat und Herkunft, richtet sich der zweite Kristallisationpunkt unverhüllt und brutal gegen Leib und Leben. Im Juli 1943 wurde Améry im belgischen Exil bei einer Flugblattaktion von der Gestapo verhaftet und in Fort Breendonk zwischen Brüssel und Antwerpen gefoltert. Jahrzehnte später unternimmt Améry den Versuch, das Unsagbare zu beschreiben und muß sein Scheitern erfahren. Nicht nur, weil das von ihm Erlebte und Erlittene an die Grenzen der Sprache stößt, sondern und vor allem auch, weil sein Beschreibungsversuch an die Grenzen der Gesellschaft stieß. "Hat eigentlich ein deutscher Staatsanwalt ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, nachdem der Aufsatz über die Tortur veröffentlicht worden war? Ist der Gedanke, diese Frage zu stellen, in einer der Rezensionen des Bandes von 'Jenseits von Schuld und Sühne' zu finden?" Diese Frage wurde erst 1993 (von Jan Philipp Reemtsma) gestellt, 15 Jahre nach Amérys Selbstmord.

Eng damit verbunden ist die im dritten Kapitel dargestellte Problematik der Deutschsprachigkeit. Deutsch ist Amérys Muttersprache, aus der die Sprache der NS-Folterer geworden war, die Betroffene wie er nach 1945 nicht umstandslos wieder verwenden konnten. Erst ab 1964 wird Améry auf Anregung von Helmut Heißenbüttel sein "Debüt als Schriftsteller als alter Mann" erleben - auch in seiner Existenz als Schriftsteller um Jahrzehnte betrogen.

Eindrucksvoll und berührend ist Fieros Darstellung der Besonderheit im Erleben humanistisch gebildeter KZ-Opfer deutscher Sprache. Konnte Primo Levi - den gleichwohl seine KZ-Erlebnisse genauso in den späten Selbstmord trieben - im Lager aus der Rezitation von Dante-Versen mitunter Kraft und Zuspruch schöpfen, nicht nur, weil er sie mit einem gleichgesinnten Leidensgenossen teilte, sondern weil "sein" Dante, seine Sprache von den Greueln nicht berührt schienen, erlebte Améry gerade die völlige Entwertung und Hohlheit von Hölderlin- oder Goethe-Versen, die sich derselben Sprache bedienten wie die brüllenden und tretenden Wachmannschaften. Amérys Schreiben ist ein steter und zäher Kampf um die Wiedergewinnung der deutschen Sprache, nicht aus dem Vergessen heraus, sondern aus ihrem bewußten, sehr bewußten Gebrauch im Kampf um neue Humanität und moralische Verantwortung. "Schleier der Sprache. Er ist aber nicht so dicht, wie man meint und gerne versichert", heißt es in seinem Roman-Essay "Lefeu oder Der Abbruch" (1974).

Das vierte lebensbedrohende Lebenthema ist der Tod. War das Überleben im Konzentrationslager, wo das Sterben zur schrecklichen Alltäglichkeit gehörte, eine Art Widerstandshaltung im Kampf um einen individuellen Tod, wählten viele ehemalige KZ-Opfer Jahre und Jahrzehnte später den Freitod - ein später, zumeist ungehörter Aufschrei, der auch vom Leben mit dem Schuldgefühl der Überlebenden der NS-Vernichtungslager erzählt.

Subtil entwickelt Petra Fiero diese Themen eng an den autobiografischen Schriften Amérys und fördert in feinen sprachkritischen Analysen auch unter der Textoberfläche verborgene Spuren zu Tage. Es ist ein wichtiges Buch, das an den Leser moralisch hohe Anforderungen stellt, auch wenn es ihm mit einlässigem Aufbau und klarer Sprache entgegenkommt.

Evelyne Polt-Heinzl
17. März 1998

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