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Gabriele von Glasenapp, Hans Otto Horch: Ghettoliteratur.

Eine Dokumentation zur deutsch-jüdischen Literaturgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
3 Bde. Tübingen: Niemeyer, 2005.
(Conditio Judaica. 53-55).
1180 S.; brosch.; Euro 310,-.
ISBN 3-484-65153-9.

Als "notwenige Sicherung eines Kenntnisstands, auf dem künftige Forschungen aufbauen können", wollen Gabriele von Glasenapp (Uni Köln) und Hans Otto Horch (RWTH Aachen) ihr monumentales Werk über die Ghettoliteratur verstanden wissen, als "materialorientierte Basis einer künftigen Gesamtdarstellung im Rahmen einer deutsch-jüdischen Literaturgeschichte." (S. 1106) Das ist angesichts der vorliegenden Dokumentation höchst bescheiden formuliert, denn was die beiden als Ergebnis langjähriger Beschäftigung mit der Ghettoliteratur präsentieren, ist fraglos schon das meiste von dem, was wesentlich zur Geschichte dieses Genres gesagt werden kann. Der zweibändige erste Teil besteht aus Rezeptionsdokumenten, er umfaßt sowohl allgemeine Charakterisierungen der Ghettodichtung, wie sie zur Zeit ihrer Blüte vorgenommen worden sind, von David Honigmann (1844) bis Armin Blau (1916). Diesen folgen die für eine historische Genreerfassung ebenso zentralen Vorworte zu einzelnen Sammlungen, sei es der Autoren selbst (allen voran Kompert und Franzos) oder Dritter. Das Bild des Rezeptionsfeldes wird komplettiert durch Artikel zu einzelnen Autoren, durch Rezensionen (auch solchen aus Frankreich, wo dieser Zweig deutscher Literatur beachtliche Aufnahme fand), sowie durch Wiederabdruck einschlägiger Auszüge aus Literaturgeschichten (u. a. aus Bartels, Castle, Eloesser, Nadler). Die beiden Literaturwissenschafter folgen in der Genrebestimmung einleuchtender Weise "einer strikt rezeptionsorientierten Leitlinie, daß als Ghettoliteratur zu gelten hat, was als solche rezipiert wurde" (S. 1106), womit ein Text, in denen eine (marginale) Ghettoschilderung eine andere Funktion hat als die Darstellung dieser Lebenswelt (etwa Jakob Wassermanns reißerisches "Vorspiel" zu seinen Juden von Zirndorf 1897) wohlbegründet nicht berücksichtigt wird. Den Schluß des ersten Teils bilden Artikel aus Lexika und Nachschlagewerken. Die gesammelten Texte sind sämtlich mit sorgfältigem und überaus aufschlußreichem Kommentar versehen. Fast überflüssig, das bei Arbeiten von v. Glasenapp/Horch zu erwähnen, aber es soll auch deshalb hervorgehoben werden, als sich hierin ein Bestand an Daten findet, auf deren Suche schon so mancher (der Autor dieser Zeilen gehört jedenfalls dazu) mit gewisser Verzweiflung gekämpft haben mag - und es gibt wahrscheinlich nicht allzu viele literaturwissenschaftliche Publikationen, denen gegenüber der Benutzer Dankbarkeit empfindet.

Als den eigentlichen Leckerbissen dieser Arbeit kann man den zweiten Teil (3. Band) sehen: Hierin finden sich Inhaltsskizzen der Ghettodichtungen von 99 AutorInnen (Regine Adler bis Stefan Zweig), aber nicht nur das: die einzelnen zusammengefaßten Texte sind mit Angaben zu ihren Abdrucken und Übersetzungen, den Fundorten, den ihnen gewidmeten Rezensionen, sowie ihrem Vorkommen in der Forschungsliteratur versehen. Die Ökonomie dieser Nacherzählungen ist höchst eindrucksvoll: sie vermitteln eine plastische Vorstellung von der Handlung und wirken trotz der Kürze nie dürr, vor allem zeichnet sie aus, daß in sie en passant reichhaltiges Hintergrundwissen einfließt, etwa bei Jacob Kaufmanns Der böhmische Dorfjude:
Reflexionen eines reisenden Erzählers im vormärzlichen Böhmen vor dem Hintergrund sich zuspitzender Konflikte zwischen den einzelnen Nationalitäten; benannt werden sowohl Spannungen zwischen Deutschen und Tschechen [...] als auch die Emanzipations-bestrebungen der jüdischen Minderheit..." (S. 928)

Liest man die Inhaltsangaben der Reihe nach, erhält man einen einzigartigen Einblick in den sozialen und kulturellen Kosmos, den diese Dichtung (der Großteil der Ghettoliteratur ist narrativer Art) bildet, und hat gleichzeitig eine reiche Motivgeschichte dieses Genres im Kopf. Dabei geraten sowohl die Vielfalt der Bearbeitungsweisen wie auch deren typische (um nicht zu sagen stereotypische) Muster klar in den Blick.
Die Studie Ghettoliteratur. Ein hybrides Genre der deutsch-jüdischen Literatur (S. 1105-27), in der der Forschungsstand zusammengefaßt wird sowie die Geschichte der Ghettodichtung und ihre Vorläufer, in der auch ihre Rolle im Feld der zeitgenössischen Literatur und im Nationalitätendiskurs und ihr 'Realismus' erörtert werden, beschließt die Dokumentation. Das Eigentliche der Ghettoliteratur tritt demnach in ihrer Funktion als "Archiv jüdischer Lebenswelten" (S. 1117) zutage, die Texte werden als Teil eines "Erinnerungsdiskurse[s]" begriffen (S. 1112), in ihnen wird "das Leben des Ghettos angesichts seines bevorstehenden Verschwindens festgehalten." (S. 1111) In der abschließenden Studie findet sich gebündelt, was es essentiell zu dem Genre zu sagen gibt. Zukünftige Arbeiten zur Ghettoliteratur werden jedenfalls angesichts des hier ausgebreiteten Wissensstandes Mühe haben, nicht bloß als Makulatur zu v. Glasenapp/Horch zu erscheinen.

 

Günther A. Höfler
1. März 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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