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Georg Gimpl: Weil der Boden selbst hier brennt...

Aus dem Prager Salon der Berta Fanta (1865 - 1918).
Fürth im Wald: Vitalis, (2001).
432 S.; geb.; m. Abb.; Bildbeil.; Eur/A 20.50.
ISBN 3-934774-97-0.

Eigentlich auf der Suche nach den Spuren des Philosophen Friedrich Jodl, der 1885 bis 1896 in Prag als Ordinarius der Deutschen Universität tätig war, begann sich der in Finnland lebende Germanist und Philosoph Georg Gimpl mehr und mehr für die deutschjüdische Kultur in Prag zu Beginn des letzten Jahrhunderts zu interessieren. Zum Kristallisationspunkt wurden ihm dabei die Apothekersgattin Berta Fanta, ihre Tochter Else Bergmann und vor allem ihr Schwiegersohn, der Philosoph Hugo Bergmann, über dessen Positionen und seine Verankerung in den Prager Philosophenkreisen der Autor für nicht Philosophen vielleicht etwas zu ausführlich Bericht gibt.

"Sie habe einen Salon geführt, so raunte man sich von einer Kafkapublikation zur nächsten zu", resümiert der Verleger Harald Salfellner in seinem originellen Nachwort die Forschungslage zu Berta Fanta. Das begann sich allerdings in den letzten Jahren zu ändern, Auszüge aus Berta Fantas Tagebuch aus den Jahren 1900 bis 1904 wurden wiederholt publiziert. Der vorliegende Band präsentiert erstmals die vollständigen Aufzeichnungen jener Frau, die mit ihren menschlichen wie intellektuellen Qualitäten eine Art Kristllisationspunkt des Interaktionsfeldes darstellt, in dem sich das produktive Prager Milieu entwickelte. Albert Einstein und Fritz Mauthner gehören ebenso zum unmittelbaren Umfeld wie jene, die ihren Salon frequentierten, Rudolf Steiner, Max Brod, Franz Werfel und - wenn auch eher am Rande - Franz Kafka, Schulkollege und Jugendfeund Hugo Bergmanns. Trotz Berta Fantas großer Dezenz und Zurückhaltung wird in ihren Aufzeichnungen der Kampf um intellektuelle Entfaltungsmöglichkeiten im Spannungsfeld der mannigfaltigen Rollenkonflikte spürbar. Scheinbar humorvolle Nebensätze - etwa wenn der Gatte sich weigert, mit ihr im Reformkleid auszugehen - können überraschende Einblicke in die Beengtheit ihrer Lebensverhältnisse geben, aus denen sie wohl nicht ganz erfolgreich auszubrechen versuchte. Das Instrument der Salon-Kultur enthält immer auch die tragische Dimension verweigerter Verwirklichungsmöglichkeiten für intellektuelle Frauen, zu Lebzeiten Berta Fantas haftet ihm zudem schon etwas Antiquiertes an.

Gespiegelt werden Berta Fantas Aufzeichnungen in der "Familiengeschichte", die ihre Tochter Else Bergmann mit nostalgischem Blick zurück im Exil in Palästina verfaßte. Es ist der verzweifelte Versuch, sich die verlorene Heimat und die gewaltsam zerschnittenen Wurzeln schreibend zurückzuerobern. Und so sollte die "Familiengeschichte" wohl auch als kulturgeschichtliches Dokument gelesen werden und nicht ungeprüft als verlässlicher Tatsachenbericht. Informationen zur Überprüfung der Fakten gibt Georg Gimpl mit ausführlichen Lebensporträts zu Berta Fanta, den Kindern Otto und Else Bergmann und vor allem zum Schwiegersohn Hugo Bergmann. Nur am Rande sichtbar werden dabei jene skandalträchtigen "Scheinlösungen" (Max Brod), mit denen sich die Familie zuweilen zufrieden gab. Durch diese große Diskretion ensteht ein seriöses Familienporträt, das zugleich als Porträt einer untergegangenen, für die Literaturgeschichte äußerst produktiven Epoche lesbar ist.

 

Evelyne Polt-Heinzl
18. März 2002

Originalbeitrag

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