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Peter Gay: Das Zeitalter des Doktor Arthur Schnitzler.

Innenansichten des 19. Jahrhunderts.
A. d. Amerik. Frankfurt/M.: S. Fischer 2002.
381 S.; geb.; m. Abb.; EUR (A) 25,60.
ISBN 3-10-025910-6.

Peter Gay, der 1923 in Berlin geborene, ehemals in Yale lehrende Freud-Biograph und Verfasser einer viel beachteten fünfbändigen Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts, fasst in diesem Buch bereits vorgetragene Thesen nochmals zusammen. Es ist Loblied auf das lange 19. Jahrhundert, auf dessen Zähmung der Leidenschaften, auch auf die Lebensfreude und Kulturbegeisterung des Bürgertums, das diese Epoche von 1814 bis 1914 prägte.

Ausgangspunkt ist eine Geschichte aus Arthur Schnitzlers Autobiographie, die leitmotivisch wiederkehrt im Buch. Vater Johann Schnitzler, ein berühmter Laryngologe, liest im gut verborgenen Tagebuch des Sechzehnjährigen. Es gibt eine große Szene. Der Sohn ist empört über den Einbruch in die gehütete Intimität, der Vater ist besorgt über die frühzeitigen erotischen Abenteuer und weist ihn mit Hilfe eines dreibändigen medizinischen Werkes auf die furchtbaren Folgen von Syphilis und anderen Geschlechtskrankheiten hin. Erotische Freiheit versus Angst vor den verborgenen Gefahren der Zivilisation, bürgerliche Individualität im Einzelzimmer versus den patriarchalischen Übergriff. Die Geschichte der Zivilisierung der Leidenschaften und Aggressionen, den das Bürgertum betrieben hat, steht der Geschichte fortschreitend beanspruchter Freiheit gegenüber. Peter Gay ist Freudianer und hält viel von den Sublimierungstheorien und dem entwickelten Instrumentarium der Triebabwehr.

Gefragt war die Balance, die Kultivierung, der Ausgleich im Sinne der humanistischen Prinzipien, wie er im Hauptteil des Buches ausweisen will. So legt Gay erneut Materialien vor, die das bürgerliche Zeitalter (das er mit dem Viktorianismus gleichsetzt) als sinnenfreundlich enthüllen ("Nächsten Samstag werde ich Deine Schatztruhen plündern, das kann ich Dir versichern!"). Auf die zu Recht und zu Unrecht bestehenden Ängste gab es vielfältige Reaktionen. Gay lässt Kriege, Revolutionen und Konterrevolutionen, den aufkommenden Rassismus und Nationalismus nicht aus, um dann überraschenderweise gleichzeitig das bürgerliche Zeitalter als Epoche abnehmender Aggressivität zu qualifizieren.

Er analysiert das 19. Jahrhundert als Epoche der religiösen Säkularisierung und der Reaktionen darauf. Faulheit wurde zur Todsünde erklärt, Arbeit zum heilsbringenden Evangelium. Die Kulturorientierung des durch Fleiß reich gewordenen Bürgertums hat uns eine außerordentliche Vielfalt von Institutionen und den Künstlern Arbeit und selbständiges Einkommen beschert. Wenn das Gesetzbuch den Schutz der Privatsphäre als oberstes Prinzip festhielt und die bürgerlichen Häuser selbst für die Kinder Einzelzimmer vorsahen, so war dies eine Verneigung vor dem Prinzip Individualismus. Gay preist diese liberalen Errungenschaften auch als Vermächtnis für die Gegenwart, sehr zum Unterschied vom Totalitarismus des 20. Jahrhunderts.

Was der Titel verspricht, aber der Inhalt nicht leistet: Gay setzt sich kaum mit Arthur Schnitzler, seiner Zeit (immerhin lebte er bis 1931), seinem Schaffensort und mit seinen Werken wirklich auseinander. Er bleibt fest auf seinem Kurs, eine historische Kulturanthropologie zu entwickeln, die sich um die Spezifika von Ländern und Kontinenten wenig kümmert. Sicherlich am meisten kritikwürdig das Faktum, dass Gay sich der historischen Logik verweigert und zu leugnen versucht, dass der Erste Weltkrieg und der Zusammenbruch der Alten Welt seinen Ausgang im bürgerlichen Zeitalter genommen hat.

 

Alfred Pfoser
26. November 2002

bearbeitete Fassung des am 3. 10. 2002 in der Buchbeilage des "Falter" erschienenen Beitrags

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