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Stephan Alfare: Das Begräbnis.

Erzählung.
Wien: Edition Selene, 1999.
131 S., brosch.; öS 248.-.
ISBN 3-85266-119-6.

Link zur Leseprobe

Stephan Alfare hat mit Maximilian Kirchberger eine Figur in die Literatur gebracht, die ähnlich schlaksig wie Tati in seinen Filmen arbeitet. Wo Tati aber ständig vom Fahrrad fällt, weil er nicht Herr seiner Gliedmaßen ist, fällt Kirchberger ständig aus der Rolle, weil er nicht Herr seiner Gerüche ist. Maximilian Kirchberger ist die Inkarnation der Vergeßlichkeit, das geht so weit, daß für den Literaturbetrieb selbst die Buchtitel für die einzelnen Erzählungen ausgetauscht, korrigiert und mit vorgeblicher Entschuldigung umjustiert werden müssen.

Während im ersten Buch "... und so, wie mich alle anstarren, genauso sehe ich aus" (1996) die Verwirrung zwischen Publikum und Held zumindest auf der Blickebene fallweise etwas aufgelöst werden kann, geht es im zweiten Buch "Maximilian Kirchberger stellt seinen Koffer vor die Tür" (1998) um eine ausufernde Hommage an Klofrauen, Fleischfliegensalate und Uringurken. Der Koffer hat wie in Kafkas Roman "Der Verschollene" bloß die Aufgabe, die Vergeßlichkeit des Helden zu dokumentieren. Prompt taucht der verschollene Koffer des zweiten Buches jetzt im dritten Buch wieder auf.

Ein beinahe wortloses Telegramm "Mama gestorben" (man beachte die gepflegte Assoziation zu Camus "Der Fremde") bringt die Verwandtschaft aus allen Teilen Österreichs auf die Beine. Zentraler Treffpunkt ist das Café Westend am Wiener Westbahnhof, von wo aus es zum Zentralfriedhof weiter gehen soll. Ehe es zum kompletten Zusammenbruch der Verwandtschaft kommt, wird an zwei Erinnerungs- und Vernichtungssträngen gearbeitet. Einmal braut sich auf der Westbahn ein Unglück zusammen, indem die Fahrt Maximilian Kirchbergers von Bregenz nach Wien zu einem Desaster ausartet, bis er schlußendlich durch das Trittblech zwischen den Waggons bricht und die Schwellen der Westbahn als Schwellen des Todes empfindet.
Am anderen Ende des Schicksalsstranges wird vom Westend aus in die Vergangenheit zurückgezopft, wo bald einmal ein ungustiöses Verhältnis zu einer Ex-Greißlerin den letzten guten Geschmack überschattet.

Auf ihrem Weg zum Begräbnis blättern die Figuren der Reihe nach in ihren persönlichen Geschichtsbüchern der Niederlagen und Gemeinheiten.

Stephan Alfare erzählt eine perfekte Familien-Saga der anderen Art. Die Kirchbergers nehmen es locker mit jeder katastrophalen Vorabendserie auf. Nach Stephan Alfare ist Geschichte letztlich das Aufbrechen der eigenen Spurweite, auch wenn dies zur katastrophalen Entgleisung der Identität führt. Natürlich wird bei diesem "Begräbnis" gelacht wie schon lange nicht mehr, und als Leser hat man den fröhlichen Eindruck, als würde in dieser Erzählung auf dem Niveau der Kronenzeitung ganz Österreich bestattet.

Helmuth Schönauer
31. Jänner 2000

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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